Ernst Höland (1854 - 1923)

Abb. Ernst Höland

Fürst Leopold IV. zur Lippe verlieh 1905 dem Dr. jur. Ernst Höland als Anerkennung für seine hervorragenden Leistungen in 19jähriger Dienstzeit den Titel Oberbürgermeister; er war der einzige Oberbürgermeister, den Lemgo je hatte. - Das 25jährige Dienstjubiläum Hölands gab weitere Gelegenheit zu Lobesworten: Die "Lippische Post" widmete ihm die ganze erste Seite mit Glückwünschen, Würdigung seiner Leistungen und einem Gruß-Gedicht von 12 Strophen. - Die Stadt dankte ihm durch ein Ständchen des Gesangsvereins, ein Ständchen von Kapelle Baule, eine Feier im Rathaus mit Übergabe von wertvollen Geschenken und einem Festessen. Den ganzen Umfang seiner Wertschätzung konnte man aus traurigem Anlass erkennen: seinem Ableben 1923. Dazu einige Sätze aus der "Lippischen Post", die aber auch die unumgänglichen, nicht immer verborgenen Spannungen andeuten, die in diesem Lebensweg zumindest teilweise erwähnt werden sollen: Für die Stadt Lemgo ist es überaus wertvoll gewesen, dass sie gerade in den Jahren ihrer Entwicklung einen solchen Mann an der Spitze hatte, der eine Persönlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes war. Es war nur zu natürlich, dass ihm, dessen Tatkraft und Energie mit einem unbeugsamen und rücksichtslosen Willen gepaart war, wie man es leicht bei solch knorrigen Naturen, wie er eine war, vorfindet, schwere Kämpfe nicht erspart blieben, die zwischen ihm und den städtischen Körperschaften zeitweise Risse entstehen ließen, die die Zeit aber wieder heilte, vor allen Dingen aber die Erkenntnis, dass er der rechte Mann auf seinem verantwortungsvollen Platze war und immer das Beste der Stadt im Auge hatte.

Höland war einer der Bürgermeister, die sich Lemgo aus dem Ausland holen musste. Er wurde am 21.01.1854 in Groß-Breitenbach (nahe Ilmenau) geboren; sein Vater war dort Ober-Landforstmeister und prägte in seinem Sohn die Liebe zum Wald und zur Jagd. Höland besuchte die Gymnasien in Arnstadt und Sondershausen, studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und Jena und promovierte zum Dr. jur. Es schloss sich die praktische Ausbildung im Justiz- und Verwaltungsdienst der Städte Arnstadt, Sondershausen, Ebeleben und Altenburg an.

Abb. Ernst Höland in Jadkleidung

Lemgo war bis 1885 noch eine "verschlafene, schmuddlige Ackerbürgerstadt" (Karl Meier). Detmold hatte schon 1841die Einwohnerzahl Lemgos überholt und wies weiterhin bis 1886 annähernd das doppelte Wachstum auf. Lemgo reagierte auf den von außen eindringenden frischen Wind (ausgehend von den Steinschen Reformen in Preußen und passend gemacht für lippische Verhältnisse) zunächst fast gar nicht, der Bürgermeister Honerla 1858-79 war dazu nicht fähig und musste durch den Bürgermeister König abgelöst werden. Die Zustände besserten sich einigermaßen, so dass König 1882 auf die Dauer von 12 Jahren wiedergewählt wurde.

Aber auch er hat anscheinend vor den Widerständen durch die Ewiggestrigen kapituliert und ging schon nach 4 Jahren nach dem kleineren und ländlicheren Norden in Ostfriesland, wo er dann als konservativer Bürgermeister wirken konnte. - Der Ruf nach einer tatkräftigen und energischen Persönlichkeit mit guten juristischen Fähigkeiten wurde aber immer lauter, zumal Lippe 1886 eine neue Städteordnung mit schärfer abgegrenzten, aber schrumpfenden Zuständigkeiten erließ, durch die erstmalig das Dreiklassenwahlrecht nach preußischem Vorbild eingeführt wurde. Nach entsprechenden Erkundigungen wählte Lemgo am 23.08.1886 Dr. jur. Ernst Höland zum Bürgermeister und leitete damit, für viele ungewollt, eine Aufholjagd gegenüber Detmold ein: die Bevölkerung Lemgos wuchs 1886 - 1914 prozentual sogar etwas mehr als die von Detmold!

Um dieses Ziel zu erreichen war eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen erforderlich, die nachträglich den Eindruck hervorrufen, als seien sie konsequent geplant gewesen. Eine der ersten Taten des neuen Bürgermeisters war die Abschaffung der Hudewirtschaft (die immerhin 10% der Gesamtfläche beanspruchte) zugunsten einer künftig intensiveren Bodennutzung und besseren Pflege des Waldes, damit verbunden eine Abfindung der Nutzungsberechtigten und der Entfall des Bürgergelds - Höland war der Letzte, der in das Bürgerbuch aufgenommen wurde. Die Anregungen und Anstöße setzten sich fort, die der Neuausrichtung zum Wohle der Stadt dienten und teilweise hinter den Kulissen stattfanden; auch die zahlreichen Ehrenämter wurden dazu benutzt. Höland wurde u.a. Vorsitzender des Gewerbegerichts, der Armenkommission, Beisitzender des Kreisverwaltungsgerichts Lemgo, Stellvertreter für das Standesamt Lemgo, Gebäudesteuer- und Gewerbesteuer-Veranlagungskommissar, stellvertretender Vorsitzender der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission, später Vorsitzender der Kommission zur Abwehr der Cholera, Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses der Wolff'schen Stiftung und zeitweise Vorsitzender des Aufsichtsrats des Technikums.

Höland förderte, wo immer er die Möglichkeit fand, den Gewerbefleiß; in seine Zeit fiel eine große Zahl von Neugründungen, z.B. 1887 der Mechanischen Weberei durch Chr. W. Kracht und 1897 der Möbelfabrik durch Gebr. Schlingmann. Dabei unterstützte ihn u.a. der Ratsapotheker Karl Heynemann, Ratssiegler, Ratsherr, Stadtverordneter, stellvertretender Beisitzer des Oberverwaltungsgericht und ab 1902 Abgeordneter im Lippischen Landtag. - 

Abb. Gaststätte Aussichtsturm

Höland kannte die Bedeutung des Schulwesens, besonders der technischen Fachschulen. Er erkundigte sich z.B. 1890 bei der Stadt Sondershausen, von der er wusste, dass dort eine Zeit lang ein Technikum für Baugewerke bestanden hatte, nach den Erfahrungen, "da wir hier eine gleiche Anstalt errichten wollen" - ein Jahr, bevor der Architekt Gustav Thoke tatsächlich eine Baugewerbeschule gründete, aus der später das lange Zeit einzige Technikum Lippes wurde. - Höland hat wahrscheinlich selber gemerkt, dass man den "Freizeitwert" Lemgos steigern musste: er schuf großzügige Wallanlagen, baute den Ratskeller aus, 1888 wurde eine neue Schützenhalle an der Pideritstraße mit Musikpavillion errichtet, der Stadtwald diente jetzt Erholungszwecken und am Aussichtsturm ließ er sogar eine Gaststätte entstehen.

Wahrscheinlich war der Begriff "Infrastruktur" noch unbekannt, aber Höland wusste trotzdem, was eine Stadt zur Entwicklung braucht: 1889 bewilligte man 120000 M. Zuschuss zum Eisenbahnbau und verpflichtete sich 1895 zur Herstellung von Zufahrtswegen zum Bahnhof, erst danach wurde 1896 die Strecke Lage - Lemgo eingeweiht 1890 wurde eine Wasserleitung beschlossen, aber erst 1898 gebaut (veranlasst durch die Wolffsche Stiftung) und 1900 vollendet 1897 verhandelt Höland mit Konsul August Louis Wolff über die Schenkung des Krankenhauses (der Konsul hatte ursprünglich nur an ein Legat gedacht); die Grundsteinlegung erfolgte 1899 - für Planung und Bauaufsicht wurde weitgehend das Stadtbauamt eingeschaltet 1899 ein neuer Betreiber der Gasanstalt wurde zur Installation von Gaslaternen für alle wichtigen Straßen und Plätze verpflichtet 1901 Bau eines Schlachthofs, nachdem 1898 der Schlachthofzwang beschlossen wurde Insbesondere durch die letztere Maßnahme wurde die zumutbare Grenze für das Tempo der Umorientierung fast überschritten; die Quittung dafür war: Höland errang bei der nächsten Bürgermeisterwahl 1903 erst im 3. Wahlgang den Sieg - ein Denkzettel, der durch die Anerkennung als Oberbürgermeister 1905 mehr als ausgeglichen wurde.

Abb. Städtisches Elektrizitätswerk

Auf eine seiner letzten Taten zur Verbesserung der Infrastruktur kann der Oberbürgermeister besonders stolz sein: den Eintritt in das Zeitalter der Elektrizität. In mehreren Städten und Gemeinden bestanden bereits Elektrizitätswerke, die aber alle Gleichstrom erzeugten. Lemgo war die erste Stadt in Lippe, die 1909 den Bau eines Elektrizitätswerks für das zukunftsträchtige Drehstromsystem beschloss und dafür 300000 M. bewilligte. Lemgo war auch die einzige Stadt, die für den Antrieb Dieselmotoren (gebaut in Görlitz) vorsah, die annähernd den doppelten Wirkungsgrad gegenüber Dampfmaschinen aufwiesen. Wiederum mit tatkräftiger Mithilfe des Stadtbauamts und des Technikums mit seiner neuen Fachrichtung Elektrotechnik ging das Elektrizitätswerk 1911 mit 5 Trafostationen in Betrieb, im gleichen Jahr, in dem die Möbelfabrik Gebr. Schlingmann noch eine Gleichstromzentrale errichtete.

Auch die Lippische Regierung wollte, allerdings sehr spät, beim Ausbau der Elektrifizierung als Voraussetzung für eine Industrialisierung tätig werden und plante eine Überlandzentrale in Hameln. Vor dem Anschluss sollte aber in Lemgo ebenfalls angefragt werden. Es stellte sich heraus: das Kraftwerk war so leistungsfähig, dass Dr. Höland nach sorgfältiger Prüfung mitteilen konnte, der Magistrat sei gern bereit, an den lippischen Südosten Strom nach Wunsch abzugeben, wenn das erforderliche Leitungsnetz dortseitig hergestellt würde. Dieser Bau wurde abgelehnt, und der Traum, Lemgo zur Überlandzentrale zu machen, scheiterte. Die bis heute starke Stellung seines E.-Werks gegenüber Wesertal hat Lemgo aber Dr. Höland zu verdanken.

Dr. Ernst Höland baute 1892 in einem Baugelände in den Gärten vor dem Ostertor (Bismarckstraße 28) ein stattliches Wohnhaus, in dem er nach seiner Verabschiedung 1916 noch einige Jahre bis zu seinem Tod am 01.10.1923 verleben konnte. In der Nähe wurde eine Straße nach ihm benannt. Seine Frau Elise, geb. Reif, überlebte ihn noch 5 Jahre; sie war ebenso beliebt wie ihr Mann, wie man aus ihrer Wahl zur Schützenkönigin 1898 schließen kann.                                                                                 

Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 3/01

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