Dr. Balthasar Knaust - Kanzler unter Graf Simon VI. zur Lippe

Abb. Kanzlerbrunnen

Eine gewichtige Persönlichkeit, die aus Osnabrück stammt und sich zwar in Lippe, aber kaum in Lemgo Verdienste erworben hat, wird trotzdem vorgestellt, weil sie zu den beliebtesten Fotomotiven Lemgos gehört, schon vielen Besuchern die Hand gegeben hat und weiterhin unermüdlich begrüßen wird: Dr. Balthasar Knaust, Kanzler des Grafen Simon VI. Er ist unter den 5 Bronzefiguren nicht zu übersehen, mit denen der Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg 1977 den Kanzlerbrunnen am Ostertor ausgestattet hat, um den "Streit um die Tonne" (mit kostbarem Mindener Bräuhahn-Bier) so lebendig wie möglich zu illustrieren. Die ausdrucksvolle Gestik der Figuren und besonders die beweglichen Gelenke laden den Betrachter außerdem dazu ein, sich selber gestalterisch zu betätigen.

Der "Streit" geht auf eine Begebenheit am Anfang des 17. Jahrhunderts zurück, mit vielen humorvollen Seiten, aber auch mit der Ankündigung des tragischen Zerwürfnisses zwischen dem Grafen Simon VI. und der Stadt Lemgo, die an ihrem althergebrachten lutherischen Glauben festhalten wollte, während der Graf im übrigen Land Lippe den reformierten Glauben einführte. - Der "Streit" wurde vordergründig durch eine Tranksteuer ausgelöst, die die Stadt nach Ansicht des Grafen widerrechtlich eingeführt hatte und damit sogar privilegierte gräfliche Beamte belegte. Verwicklungen waren umso eher möglich, als der Kanzler Knaust zwar seinen Dienst in Brake verrichtete, jedoch in der Nähe des Ostertors, in der Echternstraße 6-8 wohnte; der Drost und Erste Hofrichter Christoph von Donop hatte ihm dort seinen Ritterhof zur Verfügung gestellt. - Viele gräfliche Beamte mussten in Lemgo untergebracht werden und verursachten dadurch Probleme. 

Abbildung: Kanzlerbrunnen ausgestattet von dem Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg
ausgestattet von dem Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg

Simon VI. hatte die Landesregierung 1587, in glücklicherer Zeit, von Detmold in das Schloss Brake verlegen lassen, die Aufnahmefähigkeit des Ortes Brake jedoch reichte dafür nicht aus. In der Nähe des Schlosses wurden zwar Regierungsbauten errichtet, z.B. 1602 das "Haus unter den Eichen" durch den Lemgoer Baumeister Henrich Overkotte als Sitz der Regierungskanzlei, aber viele Bedienstete bevorzugten eine Wohnung in Lemgo. Der Vorgänger Knaust's, der Kanzler Heinrich Kerkmann z.B. baute sich standesgemäß einen prächtigen, die Umgebung überragenden Sitz an der Breiten Straße (die "Alte Abtei").

Dem Betrachter der Kanzlerfigur fällt nicht nur dessen Leibesfülle, sondern auch seine herausragende Kleidung auf. Die Unterscheidung von der übrigen Bevölkerung durch diese Hof- oder Dienstkleidung war beabsichtigt; der Landesherr übernahm die Kosten. Die Nachbarfigur dagegen, der Lemgoer Bürgermeister Johann von der Wipper (Wippermann), musste sich an die strenge Kleiderordnung (Policei ader civil ordnung der Stadt Lemgo, um 1580) halten und auf "schnede" (Schnitte, Schlitze) an den "hasen" (Hosen) verzichten, ganz zu schweigen von den Verboten, die für die übrigen Bürger und Bürgerinnen galten.

Den Bierbauch hat Balthasar wahrscheinlich von seinem Vater Heinrich, der aus der protestantischen Hansestadt Hamburg stammte; er war ein beliebter und vielseitiger Schriftsteller mit über 70 Werken. 

Besonders verbreitet waren seine populärwissenschaftlichen Bücher. Sein Handbuch des weltlichen Rechts "Feuerzeug ... " erlebte ab 1558 mehr als 12 Auflagen. Eine Ähnlich starke Resonanz erfuhr sein "Bierbuch", das auf umfangreiche eigene Studien fast aller Biersorten zurückgreifen konnte, die er auf vielen Reisen vorwiegend in Nordwestdeutschland kennen lernte. Damit mag es zusammenhängen, dass sein Sohn Balthasar in Osnabrück blieb und katholisch erzogenen wurde. Der begann 1586 mit Unterstützung des Domkapitels ein Jurastudium an der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt und promovierte 1590 dort zum Dr.utriusque iuris (Doktor beiderlei Rechte, d.h. des geistlichen und des weltlichen Rechts). Nach seiner Rückkehr wurde er sogleich zum Syndikus des Domkapitels berufen. - Sein guter Ruf und der seines Vaters drang offensichtlich bis zum Grafen Simon VI., der besonders seit der Übersiedlung nach Brake viele umfangreiche Regierungsaufgaben energisch anpackte.

Im vorhergehenden Sommer starb jedoch sein Sekretär Deppe Pflüger (Plöger), eine wichtige Schlüsselfigur, und in Lippe war kein geeigneter Kandidat in Sicht. Der Graf war aber so tolerant (wie es viele Lemgoer nachträglich zugeben müssen), dass er dem jungen und unerfahrenen, wahrscheinlich aber sehr begabten Katholiken eine Chance gab und ihn zunächst versuchsweise als Nachfolger einstellte. Schon im nächsten Jahr finden wir ihn als lippischen Gesandten in den Generalstaaten der Niederlande und am Hof des Paderborner Fürstbischofs im Schloss Neuhaus. Es kann angenommen werden, dass er, wieder in Brake, an der Hofgerichts-Ordnung von 1593 und an anderen Landesverordnungen mitgearbeitet hat. Graf Simon nahm ihn zur Unterstützung 1594 zum Reichstag in Regensburg mit. Im nächsten Jahr verhandelte er schon wieder im Auftrag des Grafen in den Generalstaaten über kaiserliche Angelegenheiten. Er erfüllte auch wiederholt Aufgaben am Kaiserlichen Hof in Prag, u.a. im Jahr 1602, wo er fürstliche "Verehrungen" an Hofbeamte verteilen konnte - er wurde vollkommen in die umfangreiche Reisediplomatie des Grafen eingeschaltet. Zusätzlich war er in Lippe von 1600 bis 1606 als Konsistorialpräsident tätig. 

Als 1603 der Kanzler Heinrich Kerkmann starb, konnte Graf Simon auf einen vielseitig erfahrenen und bewährten Nachfolger zurückgreifen: auf Dr. Balthasar Knaust. -

Seine oft erfolgreiche diplomatische Tätigkeit soll hier unerwöhnt bleiben, statt dessen sein Verständigungsversuch auf einem Zusammentreffen des Grafen mit den Abgeordneten der Stadt Lemgo 1607, um das "Zerwürfnis", das mit dem "Streit um die Tonne" begonnen hatte und sich durch beiderseitige Drohgebärden gefährlich aufgeschaukelt hatte, auf dem Verhandlungsweg beizulegen - aber der Versuch scheiterte. Im nächsten Jahr beklagten sogar Bürgermeister und Rat der Stadt Lemgo den Grafen Simon zur Lippe und Konsorten vor dem Reichskammergericht (zu den Konsorten zählte auch der Assessor des gräflichen Peinlichen Gerichts Dr. Balthasar Knaust), aber dieser und mehrere andere Prozesse hatten ebenfalls keinen Erfolg. Daraufhin stellte der Landesherr seine jährlichen Zahlungen an das Gymnasium in Lemgo zugunsten Detmolds ein, verlegte das Hofgericht von Lemgo nach Detmold und später den ganzen Regierungssitz und die Residenz - damit wurden für mehrere Jahrhunderte zum Schaden Lemgos, noch vor dem 30jährigen Krieg, die Weichen gestellt (siehe Oberbürgermeister Ernst Höland). Erst lange nach dem Tod des Grafen 1613 führte der "Röhrentruper Rezeß" 1617 zur Beilegung der Rechtsstreitigkeiten mit dem Ergebnis: Lemgo bleibt lutherisch. - Die Einzelheiten der "Lemgoer Revolte" sind u.a. in der "Geschichte der Stadt Lemgo" von Karl Meier-Lemgo nachzulesen, der schon 1928 ein erfolgreiches Volksstück über den "Streit um die Tonne" (mit dichterischen Freiheiten) verfasst hatte, das leider nur als Manuskript vorliegt. Es wurde in den letzten Jahrzehnten mehrmals durch die Theatergruppe im "Verein Alt-Lemgo" aufgeführt.

Meier-Lemgo, Karl: Geschichte der Stadt Lemgo. 
(Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe Bd.9). 

Der Beitrag als PDF-Datei (44 KB)

Vorhanden in: 
Stadtbücherei unter DEK MEIE (6x), 
Lippische Landesbibliothek unter ZXKI 102(2).

Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 08/01

Nach oben