Marianne Weber 1870-1954

Abb. Marianne Weber

Das Lemgoer Mädchengymnasium trägt den Namen Marianne Webers. Diese Frau, die sich bewusst zu der deutschen Frauenbewegung bekannte, war ein Kind des Lipperlandes. Sie wurde 1870 in Oerlinghausen als Tochter des Arztes Dr. med. Eduard Schnitger aus Lemgo und seiner Ehefrau Anna, geb. Weber, geboren. Mütterlicherseits entstammte Marianne Weber einer Bielefelder Patrizierfamilie, die zu den führenden Firmen der Leinenindustrie gehörte. Ihr Großvater Carl Weber, Patriarch einer weit verzweigten Familie, war ein reicher Mann, der sich seinen Wohlstand aber in harter Arbeit neu aus dem Nichts erringen musste durch modern-kapitalistische Geschäftsmethoden, die sein Neffe Max Weber, der Mann seiner Enkelin Marianne, später analysierte in seiner Schrift über den Geist des Kapitalismus. Carl Weber hatte nach dem Niedergang des Bielefelder Geschäftes den Vertrieb hausindustriell erzeugter Leinwand nach Oerlinghausen verlegt - "einem kleinen Ort am Rande der Senne". Marianne Weber schreibt in ihren Lebenserinnerungen: "Die Firma wurde für das Dorf zur Quelle des Wohlstandes; Weltluft durchwehte den abgeschiedenen Ort. Geschäftsfreunde kamen und gingen. Die Familie verhielt sich leutselig und hilfreich, wie es sich für solche Herren geziemt. Carl Weber stiftete ein Krankenhaus und ein Altersheim. Im übrigen hielt er aristokratischen Abstand von den Dorfgenossen, erschien weder beim Dämmerschoppen noch beim Schützenfest, noch im Gesangverein, noch auch in der Kirche. Man betrachtete ihn deshalb mit Scheu. Er war der geheime König des Dorfes; als er alt war, umwob ihn Legende.

Neben dem ihn völlig erfüllenden Geschäft nahm er liebevollen Anteil an seiner Familie; er beherrschte sie, seine Wünsche und Ansichten waren maßgebend für die Seinen; sie sahen in ihm den genialen Schöpfer der Firma; sie liebten und verehrten ihn, ja, die Töchter trieben später beinahe einen Kultus mit ihm. Als ich, seine Enkelin, erwachsen war, wählte er sogar eine Zeitlang meine Kleiderstoffe aus. Da ich lebhafte Farben hatte, hielt er die gedämpften, bescheidenen, wie blaugrau und beige, für angemessen; aber ich farbenfreudiges Mädchen teilte diesen Geschmack durchaus nicht und wusste mich mit Erfolg dagegen zu wehren. Denn der Patriarch war weise und milde geworden, er herrschte zwar, aber er ließ auch Freiheit."

Die Jahre der Kindheit verbrachte Marianne Weber aber nicht in Oerlinghausen, sondern in Lemgo bei der Großmutter väterlicherseits. Sie durfte nicht im elterlichen Hause heranwachsen: die Mutter starb bei der Geburt des zweiten Kindes - der Vater, Sohn des Lemgoer Gymnasialdirektors, konnte seinem Kinde kein Heim geben, weil Unruhe und Schwermut ihn umtrieben. Rückblickend auf das Schicksal ihrer Eltern sagt Marianne Weber über das unfassbare Geschehen: "Ein an Gefühls- und Geisteskraft überschwänglich reiches, junges Leben, das in voller Reife zum Segen für viele geworden wäre, wurde mit zweiundzwanzig Jahren ausgelöscht. Ein von Geisteskrankheit gefesselter Mann musste sein verstörtes, zunehmend verödendes Dasein, das seinen Nächsten oft Kummer bereitete, weiter tragen. Welch ein anstößiges Geschehen! War das der weise Wille eines liebenden Vatergottes? Ich konnte mich niemals damit aussöhnen." Zwischen diesen beiden Polen spannte sich ihr Leben: Fülle und Schönheit dieser Welt wurden ihr beschieden - immer wieder aber musste sie auch das andere erfahren: "Aus den geheimen Untergründen des Daseins steigen plötzlich Schatten auf."

In Lemgo wuchs Marianne Weber heran in der Obhut der Großmutter Schnitger, die als Witwe des Gymnasialdirektors in dürftigen Verhältnissen lebte, in ständiger Sorge um die drei von schweren geistigen Störungen gequälten Söhne. Die Töchter verdienten ihren Lebensunterhalt als Lehrerinnen bei der Tante Flora, der Vorsteherin der höheren Töchterschule, empfing Marianne Weber ihren ersten Unterricht.

Abb. Marianne Weber

Diese Schule entwickelte sich über das Lyzeum zum Mädchengymnasium, das seit 1950 ihren Namen trägt. Die Ferien verbrachte Marianne Weber in Oerlinghausen bei den reichen Verwandten. In ihren Erinnerungen bekennt sie sich aber zu den Frauen, die sie erzogen: "Im Vergleich mit der bescheidenen Lemgoer Existenz lebte man hier auf einer hohen Ebene des Wohlstandes. Ich genoss diese Schönheit und fühlte Zuneigung zu meiner mütterlichen Familie. Aber wenn ich verglich, so gab ich doch den geplagten Frauen in Lemgo die Palme. Ich spürte dort eine Tiefe der inneren Existenz, eine Bewährtheit im Leiden, auch eine Großzügigkeit und geistige Intensität, die hier von den glücklichen Menschen nicht zu verlangen war. In Lemgo rechnete man auch nicht. Man war besitzlos und teilte, was man hatte. Die Oerlinghauser Kaufherrn verstanden zu rechnen."

So nimmt es nicht wunder, dass das junge Mädchen sich nach den Jahren im Institut in Hannover, dessen Besuch der Großvater veranlasst hatte, nach einer eigenen Existenz sehnte. Dem Lemgoer Leben entwachsen, sollte Marianne Weber sich im Oerlinghauser Familienkreise helfend vorbereiten für die Aufgaben der Frau und Mutter. In dem Lebensbild Max Webers, das Marianne Weber nach dem Tode ihres Manne schrieb, heißt es über diese Zeit: "Aber Marianne ist atypisch veranlagt und rebelliert innerlich gegen dies überlieferte Mädchenschicksal.... Das harmonische, aber ereignislose ländliche Dasein, in dem die Männer dem Geschäft, die Frauen ganz Haus und Kindern gehören, bietet weder dem strebsamen Geist noch ihrem Lebenshunger Nahrung.       

Da sind keine Gegenstände zur Entfaltung ihrer Eigenkraft. . . . Das Mädchen entspricht leider so gar nicht dem heiliggehaltenen Ideal von Weiblichkeit, dem die Männer anhängen, das alle Frauen dieses Kreises prägt, und offenbar hat die Institutszeit mit ihrer straff geregelten Arbeit und reichen Anregung sie auch noch für das Landleben verdorben."

Mit einundzwanzig Jahren öffneten sich ihr die Tore des Lebens. Sie wurde zu den Verwandten nach Berlin eingeladen. Nun darf sie sich füllen mit der geistigen Luft dieses Hauses und den Kulturschätzen der Großstadt. Der schnelle Rhythmus Berliner Lebens durchrauscht ihre Adern, das ist endlich Leben" 

Abb. Marianne u. Max Weber

Ein Jahr später übersiedelte sie ganz nach Berlin, um sich auf einen Beruf vorzubereiten, obwohl der Großvater lachend erklärte: "Du hast es nicht nötig, Geld zu verdienen." In ihren Erinnerungen bekennt sie: "Nach drei Jahren unschöpferischer Langeweile, verzehrender Sehnsucht, die für meine geistige Entwicklung nicht ausgewertet, ja fast verloren waren, tat sich das Tor auf in ein neues reiches, erregendes Leben. Ich stand auf der Schwelle meines Schicksals."

Marianne Weber begegnete in dem ältesten Sohn des Hauses, Max Weber, dem Manne, dem sie Gattin und Gefährtin werden durfte. Da sich Max Weber, der als Begründer der modernen Soziologie gilt, ganz der Wissenschaft verschrieben hatte, trieb es seine Frau, Anteil zu haben an seiner geistigen Welt und darüber hinaus durch philosophische und wissenschaftliche Studien sich selber eine eigene Welt aufzubauen. Schon in ihrer Brautzeit war sie bemüht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, obwohl die Schwiegermutter heimlich bangte: "Sechs Wochen vor der Hochzeit Tintenfinger! Wird dies Mädchen je an dem Alltag der Hausfrau Genüge finden?"

Es ist, als habe Marianne Weber geahnt, "dass künftig der Haushalt nicht viel von ihr verlangen, dass aber das Glück ihrer Ehe einmal weitgehend von ihrer selbständigen geistigen Existenz abhängen werde". Die Ehe blieb kinderlos; Max Weber wurde nach Freiburg auf einen nationalökonomischen Lehrstuhl berufen, später nach Heidelberg - seine Lehr- und Forschertätigkeit erfüllte ihn ganz. Seine junge Frau aber besuchte philosophische Vorlesungen und nahm sogar an einem philosophischen Seminar teil. Das erregte Aufsehen und wurde als regelwidrig erkannt.

Ihr Mann freute sich ihres Strebens; er ermunterte sie auch, sich der Frauenbewegung anzuschließen und auch Verantwortung in der Öffentlichkeit zu übernehmen. Marianne Weber berichtet: "Ja, die Anerkennung der Frau als eines zu vollwertiger Geistigkeit bestimmten Wesens wurde ihm zum dringlichen Anliegen." Als Max Weber auf dem Höhepunkt seines Schaffens von einer langjährigen Neurose betroffen wurde, konnte, sie ihm helfen, das Schicksal zu tragen. Sie brach unter der Last der schweren Jahre nicht zusammen, hatte sie doch eigene Verantwortung wahrzunehmen; sie wurde sogar Abgeordnete im badischen Landtag. "Am Ende würde es Spaß machen und lohnend sein, unser emanzipiertes Geschlecht mit tapferer Sachlichkeit und zugleich so angenehm fraulich zu vertreten, dass männliches Missvergnügen keine Nahrung fand." Auch als der schwerste Schlag sie traf und Max Weber im Jahre 1920 nach kurzer Krankheit von ihrer Seite gerissen wurde, nachdem ihm noch einmal vergönnt gewesen war, als Politiker und Universitätslehrer in München zu wirken, bewahrte sie die Kraft ihres Geistes davor, zu unterliegen. Wieder wusste sie sich gerufen: es galt, ein Erbe zu verwalten in zweifacher Weise, im menschlichen und im geistigen Sinn. Nur wenige Monate vor dem Tode Max Webers war dessen Schwester Lilly gestorben und hatte vier unmündige Kinder hinterlassen, die das Ehepaar Weber an Kindes Statt hatte annehmen wollen. Dieses Vermächtnis zu erfüllen war nun Aufgabe der Witwe; sie wurde zur Mutter Marianne dieser Kinder, die sie ins Leben geleitete. Vordringlich bleibt aber die andere große Aufgabe, die literarische und wissenschaftliche Ernte des großen Gelehrten einzubringen. In strenger sachlicher Arbeit wurden Max Webers Werke Band um Band für die Veröffentlichung fertig gestellt - treue Freunde helfen dabei. Dann aber beginnt die sie beglückende eigene Arbeit; sie zeichnet das Lebensbild Max Webers. Jahrelang lebte sie dieser Aufgabe, die sie befreite zu neuem eigenem Leben.

Die Erziehung der Pflegekinder wurde für sie eine Schule der Selbsterziehung. Nach Heidelberg zurückgekehrt, wandte sich Marianne Weber wieder einer verantwortungsvollen Tätigkeit in den Frauenverbänden zu und ließ sich wieder zu öffentlichen Vorträgen rufen. Auch stellte sie die Räume ihres Hauses wie zu Zeiten Max Webers zur Verfügung zu jener Art von akademischer Geselligkeit, da sich die Geister zum Vortrag sammelten und diskutierten. Zu den Freunden des Hauses zählte Karl Jaspers, dessen Vorlesungen über Max Weber sie beglückten. Der große Philosoph bekannte ihr, dass er seine Idee des existentiellen Philosophierens an Max Webers Gestalt orientiert habe. Als 1933 der Nationalsozialismus seine Herrschaft antrat, erlebte Marianne Weber, wie das freie geistige Leben an der Universität, für das sie und ihr Mann gekämpft hatten, verfemt wurde. Rückblickend stellt sie fest: "Das Ausland wunderte sich, und wir Frauen vermochten diese Vorgänge trotz ihrer scharfsinnigen Begründung von Seiten einiger Freunde niemals zu verstehen." Aber obwohl der Mann ihrer Pflegetochter Klara Pfarrer der Bekennenden Kirche war, hat sie selber offenbar niemals Anschluss gefunden an die Kreise, die zu entschlossenem Widerstand bereit waren. Sie bleibt einer Religiosität verhaftet, die eine neue Weise der Gottesverehrung in religiöser Gemeinschaft sucht, außerhalb der Kirche.

Bis in das hohe Alter hinein war Marianne Weber schriftstellerisch tätig. Es geht ihr dabei um Lebens- und Sinndeutung. Sie schließt ihre Veröffentlichungen ab mit den Werken: "Erfülltes Leben" (1946) und "Lebenserinnerungen" (1948). Marianne Weber war ein politischer Mensch aus Verantwortungsbewusstsein; den Vertreterinnen der Frauenbewegung fühlte sie sich eng verbunden und wusste sich eins mit ihnen in der Forderung, Rechte zu verlangen, um als Frauen staatsbürgerliche Pflichten erfüllen zu können. Die Heidelberger Universität ehrte sie durch Verleihung des Ehrendoktors der juristischen Fakultät für ihr Werk "Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung".

Marianne Weber starb im Jahre 1954 in Heidelberg.

K. Aettner

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