Christian Wilhelm von Dohm, geprägt durch seine Heimatstadt Lemgo?

Dohms Jugendzeit wird von seinen Biografen nur kurz gestreift (1); verbreitete Lexika kennen ihn überhaupt nicht, und auch die Lemgoer haben die Erinnerung an ihren zweiten großen Sohn kaum gepflegt. Einige beliebig herausgegriffene Bemerkungen lassen aber aufhorchen und deuten Nachholbedarf an. Es wäre wünschenswert, wenn bis zu seinem 250. Geburtstag im Jahr 2001 Hinweise aus seiner Heimat auf ein ihm später nützliches Beziehungsgeflecht gesammelt würden. Diese Arbeit will Beispiele dazu liefern; sie erstrecken sich bis an den Vorabend der Veröffentlichung seines bekanntesten und folgenreichsten Werks "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" im Jahre 1781. - Seine zweite Lebenshälfte im preußischen Staatsdienst, mit erfolgreicher diplomatischer Tätigkeit und weiteren bedeutenden Schriften, wurde bereits eingehend beschrieben.

Als Ausgangspunkt dient ein Satz, den der von Dohm verehrte Rektor des Lemgoer Gymnasiums J.C. Mensching 1773 in seinen Anmerkungen über den Unterricht schrieb: "Der erste Unterricht, den Jemand empfängt, macht gemeiniglich einen so starken Eindruck, dass er in dem nachfolgenden Leben selten gänzlich verschwindet" (2). - Diese seinerzeit fortschrittliche Vorstellung würde man heute als Prägung bezeichnen, die auf Art und Richtung des späteren Denkens bestimmenden Einfluss ausüben wird. - Der Historiker M. Braubach liefert dazu einen eigenen Beitrag: "Allzu verwurzelt in den weltbürgerlichen Vorstellungen seiner Jugend hat er (Dohm) ... " (3). - Seine Biografin I. Dambacher schreibt: "Dohm hing an ihm (Mitschüler J.L. Benzler), wie seine späteren Briefe an Gleim zeigen, mit zärtlicher Liebe, die er bis an das Ende seines Lebens bewahrte" (4). - Sein Schwiegersohn und Biograf stellt fest: "Die Freundschaft mit F.W. Helwing (Mitschüler und Kommilitone, Sohn seines späteren Verlegers und Schwiegervaters) bildet sich später zur innigsten Vertraulichkeit aus". Man erfährt dort allerdings auch von einem "Temperamentfehler" Dohms: Jähzorn, der "bei mangelhafter Zucht in der Jugend sehr überhand genommen hatte", jedoch später beherrscht wurde (5).

Viele Voraussetzungen für seinen späteren Lebensweg findet der kleine Christian Wilhelm schon bei seiner Geburt am 11.12.1751 im stattlichen Pfarrhaus der St.Marien-Gemeinde in der Stiftstraße 38 (MB 61) vor (6). Das wenige Jahre vorher erbaute zweigeschossige Fachwerkhaus, sechsachsig mit zweistöckiger Auslucht, wurde 1905 abgebrochen (7). Sein Vater Wolrad Dohm war 1745 zum Pastor der 1. Pfarre gewählt worden; kurz danach heiratete er die 15-jährige einzige Tochter des Gräfl. Lipp. Cantzley-Raths Dr. C.C. Topp, Bürgermeister und Syndici der Stadt Lemgo (8). - Die 2. Pfarrstelle war seit 21 Jahren durch den Pastor E.H.P. Schrader besetzt (9), der vorher in Rinteln examiniert und ordiniert (10) worden war (zu der Zeit war der Großvater Christian Philip Dohm dort Professor der Metaphysik, Logik und Poesie) (11). Schrader erhielt 1745 zusätzlich vom Hochlöblichen Magistrat der Stadt Lemgo das Seniorat des Ministerii (städtisches Kirchenamt) nebst Scholarchatamt des Gymnasii (12). So konnte er Prediger ordinieren und Lehrer einstellen, u.a. 1749 C.F. Helwing als Rector (13) und J.H. Brockhausen als Subconrector. Nach dem Tod von Dohms Vater Wolrad 1759 wurde J.H. Brockhausen dessen Nachfolger an St. Marien; er war auch der erste Pflegevater des siebenjährigen Christian Wilhelm (15). - Der Scholarch Schrader führte ebenfalls ein: 1758 J.C. Mensching, zuerst als Conrector, nachher als Rector, 1759 C.H. Schnitger als Cantor (16), 1763 J.T. Crusius als Cantor (17) und an der St.Nicolai-Kirche 1745 den Pastor A.H. König von der zweiten Pfarrstelle auf die erste. - Sowohl Dohms Vater (19) als auch A.H. König (20) waren Ehrenmitglieder der Königlich-Deutschen Gesellschaft zu Göttingen.

Auf das rege geistige Leben an St. Marien, das auf das Dominikanerinnen-Kloster zurückgeht, weist u.a. die Tatsache hin, dass der Küster J.W. Beissenhirtz vorher Rektor in Wetzlar war (21).

Der Vater Dohms, Wolrad Ludwig Wilhelm D., wurde 1721 in Rinteln als Sohn des Professors an der Philosophischen Fakultät der dortigen Universität (eine der beiden Landesuniversitäten Hessens) und Rektors des Gymnasiums C.P. Dohm und seiner Ehefrau C.C. Lenderking, Tochter des Bürgermeisters L.W. Lenderking, geboren (22); beide brachten ebenfalls ein umfangreiches Beziehungsgeflecht aus Schaumburg ein (und Grundbesitz).

Allerdings wiederfuhr ihm ein ähnliches Schicksal wie später dem Sohn Christian Wilhelm: im Alter von 5 Jahren verlor er seinen Vater und im nächsten Jahr die Mutter. Die Verwandtschaft in Rinteln sorgte ebenfalls erfolgreich für die Fortsetzung der Erziehung - eine Fürsorge, die in das "Soziale Netz" von heute einmündet. - Anzumerken ist, dass Wolrads Schwester Justine Hedwig den Spuren des Bruders folgte und 1749 den Rintelner Apotheker H.A. Müller heiratete, der im selben Jahr die Neue Apotheke in Lemgo übernahm, aber schon 1753 starb. Justine Hedwig führte die Apotheke weiter und heiratete 1754 den Apotheker R. Kläner (23).

Die ersten Lebensjahre Christian Wilhelms im Pfarrhaus von St. Marien werden die glücklichsten gewesen sein. Die liebevolle Erziehung durch die Eltern vergalt er durch ebenso liebevolle Anhänglichkeit und Folgsamkeit. Nach drei Jahren folgte eine Schwester. Einige Mosaiksteine seiner prägenden Jugenderlebnisse lassen sich möglicherweise aus seinen Lebenserinnerungen zusammensetzen. Das aufrüttelnde Erdbeben von Lissabon 1755 hat ihn wie viele seiner Zeitgenossen tief beeindruckt und Spuren in seinem Leben hinterlassen, die ja auch bei Goethe, Kant, Lavater und Telemann nachzuweisen sind. - Es ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass die Beobachtung der durch Lemgo fliehenden zerschlagenen Reste der französischen Armee nach der Schlacht von Minden 1759 mit seiner lebenslangen Bewunderung der Preußen und ihres Königs in Verbindung zu bringen ist (24), verständlich nach der Einquartierung französischer Truppen in Lemgo von Juni 1757 bis März 1758 (25).

Man kann ziemlich sicher annehmen, dass er seinen Vater an dessen "Arbeitsstelle", die dem Geburtshaus gegenüberliegende Kirche St. Marien, begleitet und deren Bauplastik betrachtet hat. Im Inneren ist eine Figurengruppe aufgestellt, die der oft zu findenden Ecclesia und Synagoga entspricht (26). Hier ist in Analogie zu Ecclesia der Weltenrichter Christus dargestellt und die Synagoga durch einen Juden ersetzt worden, gekennzeichnet durch den Spitzhut und durch ein kleines Schwein in seinen Händen; es werden Fragen dabei aufgetaucht sein und sein Vater wird dem kleinen Christian Wilhelm bei der Deutung geholfen haben.

Vielleicht kannte der Vater sogar das 1754 von Lessing (Sohn eines lutherischen Pfarrers) veröffentlichte Schauspiel "Die Juden" und hat sich darauf bezogen: die erste Begegnung mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung. Der Vater war nämlich literarisch tätig und in der gelehrten Welt bekannt; er lieferte Beiträge zu vielen Werken, von denen ein Teil bei der Meyerschen Hofbuchhandlung in Lemgo erschien (27), darunter 1752 ein Glückwunsch an den Rintelner Prof. C.F.E. Bierling zur Erlangung einer zusätzlichen Doktorwürde aus Göttingen. - Möglicherweise hängt das Mitwirken des Kollegen E.H.P. Schrader bei der oben beschriebenen Pflegestellensuche für Christian Wilhelm damit zusammen, dass Schraders Sohn Franz Ernst sein 1752 in Rinteln begonnenes Studium bei Prof. Bierling abschloss (28). - Der Vater arbeitete u.a. an den "Erläuterungen der Heiligen Schrift aus morgenländischen Reisebeschreibungen" mit, die der Rintelner Prof. Eskuche ebenfalls bei Meyer herausgab. (29). Es wird kein Zufall sein, dass sich sein Sohn mehrfach mit Reiseliteratur befasste und weiterhin eng mit Meyer zusammenarbeitete.

Der Vater übernahm den ersten Unterricht des etwa fünfjährigen Christian Wilhelm. Nach annähernd einem Jahr traf sie ein schwerer Schicksalsschlag durch den Tod der Mutter; der Vater musste den Sohn seinem verwitweten Schwiegervater in Detmold anvertrauen (30). Der Gräfl. Lipp. Cantzley-Rath besaß in Lemgo den späteren Weißenfelder Hof (HB 74) (31); wegen seiner Dienstpflichten wohnte er vorübergehend zu dieser Zeit in der Residenzstadt. Christian Wilhelm erhielt Privatunterricht durch einen ehemaligen Schüler des dortigen Gymnasiums; darüber hinaus gab es sicherlich viele Anregungen in der Toppschen Wohnung. Er konnte z.B. die bedeutende Bibliothek des Cantzley-Raths (32) benutzen, die fast nur wohlhabende "studierte" Bürger besaßen. Zum ersten Mal wird ihm aufgefallen sein, dass trotz der geringeren Einwohnerzahl von Detmold (2000) gegenüber Lemgo (2500) wesentlich mehr jüdische Familien in Detmold (ca. 20) als in Lemgo (begrenzt auf 3) wohnten, einige von ihnen vom Hof wegen ihrer Dienste privilegiert (33) (34). - Aber diese erste Pflegestelle sollte nur das erste Glied einer Kette sein, denn siebenjährig verlor Christian Wilhelm auch den Vater.

Ihm widmete der Rektor des Gymnasiums G.V. Kleiner freundschaftlich die Trauerschrift "Ein zärtlicher (liebevoller, feinfühliger) Christ", die von Meyer gedruckt wurde (35).- Für Christian Wilhelm und seine Schwester wurden zwei Vormünder bestellt, beide aus der Verwandtschaft:

1. Der Bruder des Cantzley-Raths, der Advokat Arthur Wilhelm Topp, in dessen Haus Mittelstraße 25 (NB 33) sich die damals wohl größte Bibliothek Lemgos (700 Bd.) befand (36),
2. Der Besitzer der Neuen Apotheke Rudolf Kläner, der 1754 die Schwester des Vaters, Justine Hedwig geb. Dohm, geheiratet hatte. Ihr erster Mann war 1753 gestorben und hatte 2 Söhne hinterlassen, deren Vormundschaft damals der Advokat A.W. Topp und der Vater von Christian Wilhelm übernahm, so dass man jetzt Dankbarkeit vermuten kann.

Sie beschlossen, Christian Wilhelm nach Lemgo zurückzuholen und ihn beim 60jährigen ehemaligen Subkonrektor J.H. Brockhausen, jetzt Nachfolger des Vaters, in Pflege zu geben; möglicherweise konnte er wieder in sein Elternhaus einziehen. Es mögen dabei Schwierigkeiten entstanden sein, denn bald gaben ihn die Vormünder dem ersten Pastor von St. Nicolai und ebenfalls Ehrenmitglied der Königlich-Deutschen Gesellschaft zu Göttingen Jakob Koch in Obhut (37). Die Familienbande blieben fast erhalten, denn von hieraus hat er oft seinen aus Detmold zurückgekommenen Großvater im späteren Weißenfelder Hof besucht und dessen Bibliothek benutzt (Daraus erwarb J.G. Herder bei einer späteren Versteigerung 75 Bände) (38). Hier blieb Christian Wilhelm bis zu seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen war der Vormund Arthur Wilhelm Topp gestorben. Sein Nachfolger wurde erstmalig nicht aus der Verwandtschaft genommen; man wählte den Kaufmann und Wortwahrer Chr. Ludwig Wolff, für den die Vermögensverwaltung im Vordergrund stand, denn Christian Wilhelm war durch verschiedene Erbschaften "reich" geworden. Eine Erkrankung erforderte 1763 eine besondere Pflege, die er bei seiner Tante Justine Hedwig in der Neuen Apotheke erhielt. Vielleicht hat die für einen Jungen sehr anregende Atmosphäre dabei geholfen: Gemäß einem Inventar waren neben 5 großen Mörsern 1 Seehund, 2 trockene Fische, 1 Krokodil, 1 Eselsfuß, 1 Meerschnecke, 1 Drache und 1 Einhorn vorhanden (39). 

Der Ernst des Lebens näherte sich in Gestalt der Schule. Dem Lemgoer Gymnasium standen die ehemalige Kirche des Augustinerinnen-Klosters und die 4 Lehrerhäuser (Vorgänger der heutigen) im Rampendal zur Verfügung. Christian Wilhelm wurde zusammen mit anderen Schülern zunächst im Kantorhaus untergebracht, in dem sich nicht nur die Wohnung des Kantors und Lectors VI. Cl. Johann Traugott Crusius befand (40), sondern, wie allgemein üblich, auch die zugehörigen Klassenräume - und die Eltern begrüßten es, dass ihre Söhne unter dauernder Aufsicht ihrer Lehrer standen! Etwa 1764 musste Christian Wilhelm in das Haus des Konrektors Christian Heinrich Schnitger umziehen, der die Quarta unterrichtete; die oberste Klasse, die Tertia, war dem Rektor Justus Conrad Mensching vorbehalten (41). Jede Klasse konnte, je nach den Bildungszielen, mehrere Jahre besucht werden; Versetzungen im heutigen Sinn erfolgten nicht.

Abschließend ließ Rektor Mensching den Leistungsstand durch Öffentliche Redeübungen nachweisen (42), die etwa die Funktion des heutigen Abiturs hatten; die gedruckten Einladungen dazu zeigen an, dass Christian Wilhelm seine erste Rede 1767 in lateinischer Sprache halten musste und in den nächsten beiden Jahren je eine in deutsch. Fast immer hörte der weiterhin sehr interessierte Vorgänger Menschings und seit 1755 Inhaber der Meyerschen Buchhandlung Chr.Fr. Helwing zu. Von den an diesen drei Übungen teilnehmenden 36 Mitschülern können etwa 20 heute noch als Apotheker, Ärzte, hohe Beamte, Pastoren, Professoren und Rektoren nachgewiesen werden. Menschings Unterricht hatte großen Eindruck auf Christian Wilhelm gemacht, und aus Dankbarkeit schenkte er der von Mensching gegründeten Gymnasialbibliothek ein Buch (43); auch vorher hatte er schon weniger bemittelten Schülern durch Bücher geholfen.

Obwohl der Vormund Wolff es verhindern wollte, begann er sein Studium an der Universität Leipzig, wie ein Jahr vorher sein bester Freund Johann Lorenz Benzler, ebenso begabt (der Vater besaß ebenfalls eine der wenigen größeren Bibliotheken in Lemgo) (44), fast 5 Jahre Älter als er, aber durch einen Hörfehler etwas behindert.

Benzler musste deshalb sein Studium aufgeben; wieder in Lemgo veröffentlichte er schon im ersten Jahrgang 1767 der Lippischen Intelligenzblätter eine kleinere Arbeit (45) und stand in Schriftwechsel mit bekannten Schriftstellern wie J.L.W. Gleim (46) und F.H. Jacobi (47). Er ließ Dohm daran teilnehmen, der auf seinem Weg nach Leipzig das Gleimhaus in Halberstadt besuchte (48).

Benzler war schon zweimal bei seinem "allertheuersten verehrungswürdigsten Gönner" Gleim gewesen, dem Sänger der Preußischen Kriegslieder. Gleim "betreute" Dohm sein Leben lang und nahm sein Porträt in seinen "Freundschaftstempel" im Gleimhaus auf, einer Sammlung von über 100 Bildnissen "gelehrter und tugendhafter Männer und Frauen" (49). - Benzler wurde zunächst Sekretär des Herausgebers der Intelligenzblätter Chr.Fr. Helwing und 1773-83 ihr Redakteur; er konnte so nicht nur seine literarischen Neigungen verwirklichen, sondern ebnete Dohm auch den Weg zu mancher Veröffentlichung. - Dohm wusste, dass in Leipzig mehrere Lemgoer studierten und ihm helfen konnten, darüber hinaus bekam er von Gleim ein Empfehlungsschreiben an den Dichter und Professor Chr.F. Gellert mit, der ihm bei der Aufnahme seines Studiums half. Benzler hatte bereits bei ihm gewohnt und schätzte die aufgeklärte Atmosphäre in seinem Haus; bezeichnend dafür war, dass er diesen Geist u.a. auch dem jugendlichen Erbprinzen Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau vermittelte (50). - Am Ende des ersten Semesters merkte Dohm jedoch, dass das Theologiestudium seinen Zielen nicht entsprach, und wählte stattdessen Jura.

Wiederum musste ihm auffallen, dass in Leipzig ähnlich viele jüdische Familien wie in Detmold wohnten, und dazu kamen die Messeteilnehmer: durchschnittlich 1600 Juden neben 8500 Christen (51). Daneben las er besonders viel - die Bücherstadt Leipzig verlockte. Er interessierte sich besonders für die Schriften J.B. Basedows, in denen nach dem Vorbild von Rousseaus Emile neue bedeutende Erziehungsgrundsätze im Rahmen der Aufklärung vorgestellt wurden - er konnte sich von ihnen nicht mehr lösen. Er kannte sie schon aus Lemgo; sowohl Rektor Mensching (52) als auch Kantor Crusius (53) haben sie begrüßt. Ganz Lippe war von schulreformerischem Geist erfüllt, unter reger Anteilnahme der Gräfin Casimire zur Lippe, geb. von Anhalt-Dessau.

Die Methoden Basedows kamen dem praktischen Geist Dohms so entgegen, dass er sogar sein Studium zugunsten einer Assistentenstelle bei Basedow aufgeben wollte, zum Unmut seiner Vormünder. Basedow schaffte es jedoch, ihr Einverständnis durch einen meisterhaft abgefassten längeren Brief zu gewinnen (aus dem hervorgeht, dass Dohm vermögend war) (54). Dohm erschien also Anfang 1771 bei ihm in Altona und wurde gleich mit seiner umfangreichen Korrespondenz betraut und daneben in den pädagogischen Neuerungen unterrichtet. Es sei nur ein Gedanke Basedows aus einem in diesem Jahr 1771 erschienen Buch herausgegriffen, der auf Dohm besonderen Eindruck gemacht haben wird: "Der Staat und sein Regent hat kein Recht, von zwei Religionsmeinungen, in welchen beiderseits die Verpflichtung zu allen Tugenden, auch zum bürgerlichen Gehorsam, und die Erwartung eines göttlichen Gerichts zum Grunde liegt, die eine, weil etwa ihre Freunde die zahlreichsten sind, durch bürgerliche Vorrechte zu begünstigen, die andere aber durch Versagung dieser Rechte, durch schwere Schatzungen, durch Verbot der Ausbreitung und durch eigentliche Verfolgung zu unterdrücken" (55).

Die Anregungen Basedows stießen in ganz Deutschland auf große Resonanz. Viele Landesherren begannen, den Unterricht bei sich zu vervollkommnen. So auch Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der Bruder der Gräfin Casimire; er wollte Dessau, die Geburtsstadt Moses Mendelssohns, zu einem "Mekka für die aufgeklärte Geisteswelt Deutschlands" machen und lud Basedow mit einem besonders großzügigen Angebot Ende 1771 nach Dessau ein. Dohm ging mit und war weiterhin literarisch für ihn tätig. Dort sah Dohm, wie verdienstvoll sich der Landesherr um völlige Toleranz der drei christlichen Bekenntnisse und der starken jüdischen Minderheit bemühte (56). Sowohl in Dessau (ca. 800 Pers.) (57) als auch vorher in Altona (2400 Pers., dank des aufgeklärten Königs von Dänemark) (58) herrschte ein starkes und blühendes Eigenleben der jüdischen Mitbürger. - Als er aber merkte, dass der jüngere Bruder seines Freundes Benzler sich genauso hoffnungsvoll wie er einst selber um den Dienst bei Basedow bemühte, machte er seine Stellung frei und kehrte mit erneutem Eifer zum Studium nach Leipzig zurück (Er konnte nun über sein Vermögen ohne seine Vormünder verfügen). Vorher besuchte er noch Gleim in Halberstadt zu einem Gedankenaustausch.

Er verfolgte, zwar aus der Ferne, aber weiterhin mit großem Interesse, wie Basedow seine Ideen in der 1774 gegründeten Privatakademie "Philanthropin" verwirklichte. Gräfin Casimire wandte diese Ideen schon seit 1770 auf die Erziehung des Erbgrafen Leopold an (59), der auch 1781 in das Philanthropin eintrat (60). Die Gräfin pflegte Beziehungen zu vielen Persönlichkeiten, die ebenfalls zum Kreis um Dohm gehörten: Gleim, Herder, Lavater u.a. - Sie war nicht nur einer der besten Kunden der Meyerschen Hofbuchhandlung, sondern hatte privat Kontakt zum Verleger Helwing, den sie in Lemgo mehrfach besuchte (61); Helwing wurde 1782 Mitvormund des Erbgrafen Leopold (62).

In Leipzig wohnte Dohm diesmal im Haus des Nachfolgers von Gellert, des allgemein beliebten und von Goethe geschätzten Professors der Philosophie Chr.G. Garve; er ebnete Dohm den Weg in das Universitäts- und Geistesleben, stellte ihm seine bedeutende Bibliothek zur Verfügung und ermutigte ihn zur Schriftstellerei.
Zur Freude Dohms hielt sich auch der Freund Benzler längere Zeit geschäftlich in Leipzig auf, wie auch Helwing oft zum Besuch der Buchmessen. Neben Beiträgen zu den Lippischen Intelligenzblättern erschien die erste Veröffentlichung Dohms 1773 bei Meyer unter dem Titel: "Des Herrn Karl Bonnets Psychologischer Versuch, als eine Einleitung zu allen seinen philosoph. Schriften. Aus dem Französ. übersetzt u. mit Anmerkungen versehen". Bonnets Schriften erregten damals in ganz Europa großes Aufsehen; u.a. hatte sich Moses Mendelssohn auf Anregung von Lavater schon einige Zeit vorher intensiv damit beschäftigt. Mendelssohn und Helwing trafen sich 1773 als Kurgäste in Bad Pyrmont (63); es kann angenommen werden, dass sie sich auch über Bonnet und Dohm unterhalten haben. Mendelssohns Biograf A. Altmann vermutet, dass sich anschließend in Berlin Mendelssohn und Dohm zum erstenmal begegneten. - Inzwischen hatte Benzler die Leitung der Lippischen Intelligenzblätter übernommen, und möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der im nächsten Jahr darin erfolgten Veröffentlichung Dohms: "Probe einer kurzen Charakteristick einiger der berühmtesten Völker Asiens". Es ist bemerkenswert, dass hier der Gedanke der Toleranz auch gegenüber den Juden vorformuliert wird, der dann 7 Jahre später in seiner Schrift: "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" vertieft werden sollte. -

Helwing benutzte gern die günstige Gelegenheit der Kur in Bad Pyrmont, um Verlagsgeschäfte anzubahnen; zwischen 1758 und 1781 war er 9mal dort, und mindestens 3mal nahm er Benzler dazu mit. Unter den gleichzeitig anwesenden Kurgästen befanden sich auch weitere Bekannte Dohms: Boie, Gleim, Herder und Spalding.

Nach kaum einem Semester Studium konnte Dohm einem einmaligen, vermeintlich verlockenden Angebot nicht widerstehen und nahm eine Pagenhofmeister-Stelle am Hof des Prinzen Ferdinand von Preußen, des Bruders Friedrich des Großen an. Seine aus der Jugendzeit stammende Schwäche für "Preußen" hatte zur Folge, dass er die notwendige Prüfung seines zukünftigen Aufgabenbereichs und seiner Entfaltungsmöglichkeiten versäumte. Aus Enttäuschung nahm er schon Ende 1773 seinen Abschied, blieb aber in Berlin und lernte die Geisteswelt dieser Stadt kennen. Wiederum durch Vermittlung Gleims kam er u.a. in Kontakt mit dem Oberkonsistoralrat Spalding, dem Schriftsteller und Verleger Nicolai (der mindestens 18mal in Pyrmont kurte) und dem berühmten Geografen Büsching (der aus Stadthagen stammte). Der 22jährige Dohm widmete sich ganz der Schriftstellerei (dank seines Vermögens) und fertigte zunächst Übersetzungen an. Durch Helwing bekam er aus Lemgo die Nachricht vom Tod der Maria Magdalena Kemper im Februar 1773 und dem unerwarteten Auffinden von zwei Abschriften des Japan-Werks von Engelbert Kaempfer, die nicht nach England gelangt waren (64). Im Oktober sollte eine Auktion der gesamten Bibliothek stattfinden (65), für die Helwing einen umfangreichen Katalog drucken musste. Diesen Fund besprach Dohm mit Büsching, der zur sofortigen Beschaffung des Werkes riet. - Büsching und Helwing waren mehrjährige Studienkollegen in Halle gewesen, und Büsching hatte mehrere Arbeiten durch Helwing verlegen lassen. Büsching war mehrere Jahre in Petersburg gewesen, hatte dort ein deutsches Gymnasium gegründet und freundschaftliche Beziehungen zu Petersburger Akademikern aufgenommen (66). Er kannte den Mangel an zuverlässigen Beschreibungen von Asien und unterstützte später Helwing bei der Werbung von Subskribenten (67). - Dohm fand sich zur Bearbeitung des Werkes umso eher bereit, als er sich vorher schon mit mehreren Reisebeschreibungen beschäftigt hatte, und Helwing brachte es in seinen Besitz. Es wird angenommen, dass es als Ausgleich für die Druckkosten des Katalogs diente.

Dohm sah ein, dass er seine literarische Tätigkeit (Bearbeitung des Kaempfer-Werks u.a.) durch ein möglichst zielgerichtetes Studium ergänzen musste und fand die besten Voraussetzungen dazu in Göttingen. Er begann im Frühjahr 1774; im Herbst wurde er gezwungen, sich wegen Überarbeitung in Lemgo zu erholen, kehrte dann aber gesund zurück. Wahrscheinlich durch Vermittlung von Gleim lernte er während dieses Aufenthalts seinen späteren Freund H.F. Diez kennen, der 1775 in der Meyerschen Hofbuchhandlung eines seiner Werke veröffentlichte: "Der Stand der Natur". Diez war begeisterter Orientalist, wurde 1786 geadelt und später als Ratgeber Goethes für seinen Westöstlichen Divan bekannt (68). - Die intensive Doppelbelastung setzte sich bis 1776 fort. Er lernte die Schätze der Universitätsbibliothek und viele renommierte Professoren kennen, die für seinen späteren Lebensweg nützlich werden sollten - hervorzuheben ist der Historiker und Staatswissenschaftler A.L. Schlözer. Mit seinem neuen Freund H.Chr. Boie gründete er eine erfolgreiche Aufklärungszeitschrift, das "Deutsche Museum", die ihn berühmt machte. Freundschaft verband ihn auch mit dem Kommilitonen Freiherrn vom Stein (69), der als Nichtpreuße später ebenfalls in den preußischen Staatsdienst eintreten sollte (etwa gleichzeitig mit Dohm, in das Bergwerks- und Hüttendepartement beim Oberbergrat F.W. von Reden) (70). - Zum Abschluss führte Dohm eine Bildungsreise in den Harz durch (ein Jahr vor Goethe). Der Bergbau hatte damals einen wesentlich höheren Stellenwert als heute, er war Vorläufer des technischen Fortschritts, und der wurde gesucht und begrüßt. Spätere Besuche des Harzes folgten, und 1802/04 konnte er seine Kenntnisse bei einer diplomatischen Aufgabe in Goslar anwenden. Er beteiligte sich an Goethes Ilmenauer Bergwerk durch eine Kuxe (71).

Ende 1776 war für Dohm der Zeitpunkt gekommen, wo er sein angesammeltes Wissen an die nachfolgende Generation weitergeben wollte; er streckte seine Fühler nach Norddeutschland und Preußen aus, aber schließlich nahm er die Berufung durch den hessischen Staatsminister und Generalleutnant M.E. von Schlieffen auf einen Lehrstuhl am Collegium Carolinum in Kassel an, dessen Direktor von Schlieffen ebenfalls war. Übrigens hatte von Schlieffen nach der Schlacht von Minden 1759 die Truppen kommandiert, die die geschlagenen Franzosen durch Lippe verfolgten (72). - Dohm war nur zu einer Stunde Unterricht täglich verpflichtet und nutzte die Zeit zu umfangreicher literarischer Tätigkeit.

Er traf dort zwei Kollegen, die vorher an der Universität Rinteln gelehrt hatten, und schloss mit dem Mathematiker Jakob Mauvillon enge Freundschaft (73), dem nachmaligen Freund und Mitarbeiter Mirabeaus. - Mauvillon hatte 1772 einen Titel bei Meyer verlegt (74). - Mirabeau verkehrte ebenfalls viel mit Dohm (75); er sollte später den Toleranzgedanken in der Verfassung der französischen Revolution festschreiben. - Mit dem in Kassel anwesenden Georg Forster konnte Dohm sich über dessen Weltumseglung als Begleiter von James Cook unterhalten, als Ergänzung zur Arbeit am Kaempfer-Werk. Dohm wurde Mitglied der vom kunstliebenden Landgrafen gestifteten Societe des Antiquites und lernte dort u.a. den einflussreichen Kurmainzischen Statthalter zu Erfurt und späteren Fürstprimas des Rheinbundes Freiherrn von Dalberg (dann Verhandlungspartner von Fürstin Pauline und ihrem Regierungsrat F.W. Helwing, Dohms Freund und Schwager) kennen (76), der ein besonderes Vertrauen zu ihm fasste, ihn zunächst mit einigen kleineren Aufgaben betraute und ihm eine Professur anbot - sein eigentliches Ziel blieb aber die Anstellung im preußischen Staat. - Seinem Freund Benzler ging es wirtschaftlich nicht besonders gut. Dohm sann auf Abhilfe; er hat sich ziemlich sicher beim Landgrafen dafür eingesetzt, dass Benzler 1779 die Stelle des Hessischen Postmeisters in Lemgo bekam (77), die Dohms Schwager D.D. Topp freimachen musste.

Die Werbung von Subskribenten für das Kaempfer-Werk zog sich länger hin als erwartet, mit der Folge, dass auch bei anderen Verlegern Interesse erwachte. In Breslau erschien 1776 der erste Teil einer "Charakteristik der merkwürdigsten asiatischen Nationen" von J.F. Poppe; das Kapitel I auf S. 1-110 "Die Japaner" fußt hauptsächlich auf Engelbert Kaempfer. - Poppe stammte aus Haustenbeck und war Dohms Mitschüler am Lemgoer Gymnasium; zweimal haben sie gemeinsam an Redeübungen teilgenommen (78). Poppe war um 1776 Prorektor des Friedrichwerderischen Gymnasiums zu Berlin (79); der mit dem Kaempfer-Werk vertraute Büsching war Direktor des wenige Kilometer entfernten Gymnasiums Zum grauen Kloster (80). - Der Verleger aus Breslau erscheint als "Buchhändler Meyer" (Joh. Ernst Meyer) in der Subskribentenliste für 2 Expl. des Kaempfer-Werks. - Die Zusammenhänge sind noch nicht aufgeklärt.

Der erste Teil des Kaempfer-Werks wurde schließlich zur Leipziger Ostermesse 1777 ausgeliefert, vier Jahre nach Auffinden der Manuskripte. Zwei Jahre später folgte der zweite. - Helwing war 54 Jahre alt, seit 19 Jahren Bürgermeister und Rat, zusützlich zu seiner sehr erfolgreichen Verlegertätigkeit. Er brauchte Unterstützung; sein Sohn Friedrich Wilhelm, Dohms Mitschüler und Freund, wollte zunächst Buchhändler werden, wechselte dann aber zur Juristerei. Friedrich Wilhelm war inzwischen Fürstlich Lippischer Kammerdirektor geworden; mit Dohm zusammen wurde etwa zur Messezeit eine mehrwöchentliche Reise in die oberen Rheingegenden unternommen, mit Betrachtung der Naturschönheiten und der Spuren der Vorzeit, ähnlich wie Goethe. - Helwing hatte noch eine Tochter, und durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Dohm kam der Gedanke an eine Verbindung auf. Dohm verlobte sich 1779 mit Anna Henriette Helwing - in dem Jahr, in dem sich sein langgehegter Wunsch erfüllte, in den preußischen Staatsdienst in Berlin aufgenommen zu werden. Die Trauung mit der 18jährigen Braut fand im nächsten Jahr statt. Die Ehe wurde sehr glücklich; die junge Frau blieb zunächst noch in Lemgo. In Berlin fing Dohm als Kriegsrat, Geheimsekretär und Archivar im Departement für auswärtige Angelegenheiten an und wurde später in den diplomatischen Dienst übernommen. Nachdem Dohm seine Frau nach Berlin geholt hatte, besuchte sie Helwing oft anlässlich seiner Reisen zur Leipziger Messe (81).

Dohm nahm nach wie vor regen Anteil am geistigen Leben, das wesentlich in den berühmten literarischen Salons emanzipierter Jüdinnen stattfand, und pflegte den Gedankenaustausch. - Die jüdische Gemeinde in Berlin zählte etwa 2000 Köpfe (82). - Nebenbei unterrichtete er als Hauslehrer die beiden Humboldtbrüder in Tegel (83): Alexander besonders in Geografie (wurde Naturforscher und Forschungsreisender), Wilhelm wurde Sprachforscher (u.a. ostasiatische Sprachen) (84) und setzte später als preußischer Unterrichtsminister die vollständige Gleichberechtigung der Juden zu einem beträchtlichen Teil durch (mit Unterstützung des Mensching-Schülers Süvern) (85) - beide erinnerten sich gern an diese Begegnung. - Dohm war Mitbegründer der für die deutsche Aufklärung wichtigen Berliner Mittwochsgesellschaft (86).

Es kann als sicher angenommen werden, dass dort u.a. über die Neutralisationsakte, die 1753 in Großbritannien zugunsten der Juden abgefasst wurde, und über die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika diskutiert wurde. Hier war 1776 zum ersten Mal der Satz zu lesen, "dass alle Menschen gleich geschaffen sind", der bei Dohm auf fruchtbaren Boden fiel. - Als regelmäßiger Gast des Hauses Mendelssohn erfuhr er von der Bitte elsässer Juden an Mendelssohn um Hilfe bei der Abfassung einer Petition an den König Ludwig XVI.; sie lebten unter besonders inhumanen Bedingungen und übergroßer Abgabenlast (87). Mendelssohns Fürsprachen hatten schon mehrfach Abhilfe bewirkt, aber diesmal begrüßte er auch aus gesundheitlichen Gründen Dohms Bereitschaft, die Aufgabe zu übernehmen. Zu dem "memoire" kam 1781 "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden". Aus Rücksicht auf seine Stellung in Preußen wollte Dohm die Schrift zunächst anonym im Ausland veröffentlichen (88); erst nach Klärung der Zensur ließ er sie durch Friedrich Nicolai verlegen, der später ebenfalls der Mittwochsgesellschaft angehörte. 1783 folgte ein zweiter Teil, in den kritische Zuschriften aufgenommen wurden.

Das Echo auf Dohms Schriften war überaus groß und weltweit, es folgte sofort eine französische Übersetzung. Im Folgenden werden einige Beispiele der Resonanz angeführt, die für Lippe Bedeutung haben. Als eine der ersten Reaktionen erhielt Dohm einen umfangreichen und zustimmenden Brief des Bruders der Gräfin Casimire, des Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (89), in dem er sich auch an seine eigenen Bemühungen erinnerte. Dohm konnte sie damals teilweise nachverfolgen; er leitete das Schreiben an Mendelssohn weiter. - Die Regierung in Detmold begann dagegen sehr vorsichtig, sich mit der Bitte an Magistrate und Ämter um die Entwicklung von Vorschlägen zu wenden, wie die Verbesserung der Juden zu verwirklichen sei. Die Stadt Lemgo hatte besonders hohen Nachholbedarf, sie beschränkte seit langer Zeit die Zahl der Schutzjuden auf drei Familien, wesentlich weniger als es dem Landesdurchschnitt entsprach. Deshalb ist der Beitrag des Landsyndicus und späteren Lemgoer Bürgermeisters J.A. Heldmann in den Lippischen Intelligenzblättern 1783 bemerkenswert, in dem er die Verdienste Dohms um die Aufklärung lobte. Allerdings waren die Auswirkungen gering.

Zwölf Jahre später musste der Lemgoer Richter F.A.V.W. Barkhausen (Mitschüler Dohms) (90) auf Anforderung der Regierung in einem gutachtlichen Bericht mitteilen, dass die Einschränkungen für die Lemgoer Juden nach wie vor besonders hoch seien (91). Nur allmählich setzte sich die "bürgerliche Verbesserung der Juden" durch, nicht zuletzt dank der Mithilfe der Detmolder Hofjuden, auf die die Landesherren oft angewiesen waren. Aber noch 1799 wurde "nomini Serenissimi Regentis Hochfürstlichen Durchlaucht" die "Aufnahme der fremden herumvagabundierenden Betteljuden auf das schärfste untersagt", da "seit einiger Zeit wieder eine außerordentliche Menge von diesem Gesindel zur Gefahr der öffentlichen Sicherheit in hiesiges Land ... hinein- gezogen worden ist" (92). Der Ton erstaunt umso mehr, als bekanntlich Leopold I. selten eine Entscheidung ohne den Rat seiner Gemahlin Pauline traf. Zur Erklärung muss man berücksichtigen, dass Pauline im Vorjahr mit großem Engagement ihre pädagogischen Ideen verwirklicht hatte, die sie in den vom Generalsuperintendenten L.F.A. von Cölln (Mitschüler Dohms) (93) redigierten "Beiträgen zur Beförderung der Volksbildung" (94) vorstellte: Armenpflege, Gründung wohltätiger und gemeinnütziger Anstalten zur Hebung der allgemeinen Sittlichkeit. Sie war besonders Stolz auf die neue Erwerbsschule, die Armen- und Waisenkinder von der Straße holen sollte, aber Rückschläge blieben nicht aus; sie griff sogar zu Strafen, wenn Kinder wieder auf der Straße bettelten (95).

Auf dem Umweg über Frankreich wurde die Einführung der "Bürgerlichen Verbesserung" beschleunigt: Napoleon fasste den durch die Revolution 1791 eingeführten Gedanken der Gleichberechtigung der Juden in Gesetze (96), die weitgehend für den Rheinbund übernommen wurden, dem Fürstin Pauline 1807 beitrat. Während ihres Besuchs in Paris am Jahresende war Dohm als Deputierter aus dem Königreich Westfalen dort ebenfalls anwesend; beide pflegten mehrmals gesellschaftlichen Umgang miteinander (97). - In der Handbibliothek der Fürstin, die als Prinzessin von Anhalt-Bernburg eine frühe Verehrerin von Gleim war und von 1818 bis 1820 auch Bürgermeisterin von Lemgo, befanden sich zwei Bücher von Dohm, allerdings nicht die "Bürgerliche Verbesserung der Juden" (98). - Nach der Niederlage Napoleons wurden viele Erleichterungen wieder zurückgenommen; die Reaktion regte sich.

Gegen den wachsenden Widerstand verfocht der ehemalige lippische Generalsuperintendent J.L. Ewald 1816-1821 in z.T. umfangreichen programmatischen Schriften in Anlehnung an Dohm vehement die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden (99), die darauf aber noch bis zur Mitte des Jahrhunderts warten mussten.

Ein Blick ins Nachbarland Schaumburg-Lippe zeigt, dass dort die Judenpolitik schon früher großzügig gehandhabt wurde. Graf Wilhelm nahm bereits 1774 in Pyrmont Beziehungen zu Mendelssohn auf (100) und lockerte die Beschränkungen. Nach dem Tod seines Nachfolgers Graf Philipp Ernst 1787 führte dessen Witwe Juliane als vormundschaftliche Regentin für ihren minderjährigen Sohn neben den Schutzbriefen Toleranzscheine nach dem Vorbild der Toleranzpatente Joseph II. ein, die die Lebensbedingungen verbesserten, so dass sich die Zahl der jüdischen Familien von 1761 bis 1799 auf 50 vervierfachte (101). In dem von Schaumburg-Lippe verwalteten Amt Blomberg ist eine Grundstücksschenkung von 1791 nachzuweisen, durch die Juliane eine jüdische Familie sesshaft machen wollte (102), wie es Dohm angeregt hatte.

Es ist verständlich, dass die Juden ihren erfolgreichen Anwalt Dohm begrüßten; die Resonanz auf seine Schrift war dort besonders groß. Beispielsweise war der Detmolder Leopold Zunz 1817 in Berlin Mitbegründer eines "Vereins zur Verbesserung des Zustandes der Juden im Deutschen Bundesstaate" (103), aus dessen Bezeichnung man die Spuren der Dohmschen Schrift ersehen kann.

Ist Dohm durch seine Heimatstadt Lemgo geprägt worden? Dem Magistrat der Stadt Lemgo muss man den größten Anteil an der "Bürgerlichen Verbesserung der Juden" zubilligen; er legte seinem jüdischen Bevölkerungsanteil übergroße Beschränkungen auf und verteidigte sie jahrhundertelang. Er war mitverantwortlich für eine "verstaubte" Kleinstadtatmosphäre, die vielseitig gebildete Mitbürger wie Benzler und Dohm so schnell wie möglich hinter sich lassen wollten. Er musste aber damit rechnen, dass irgendwann einem unabhängigen, schreibgewandten und aufgeklärten Lemgoer beim Vergleich mit anderen Orten das Unrecht auffiel und er es nicht hinnehmen konnte, ohne es zu artikulieren und damit die Befreiung anzubahnen. Der Magistrat hat nicht nach dem Leitsatz des Grafen Simon VI. gehandelt: "Mensch, was du tust, bedenk das End". - Leider Gottes wurde auch später nicht nur in Lemgo wiederholt dagegen verstoßen; die Rückbesinnung auf Dohm und auf sein engagiertes Eintreten für die Gleichberechtigung anlässlich seines 250. Geburtstags soll mit dazu helfen, "damit das Böse nicht noch einmal siegen kann" (104).

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Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 01/02
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