Christian Friedrich Helwing (1725 - 1781)

Abb. Christian Friedrich Helwing

Stolz sieht das Haus Wehrmann (Mittelstraße 56, TB 4) auf den "Steinernen Saal Lemgos, und stolz kann es auf seinen Beitrag für Lemgo sein: In seinen Mauern legte die Meyersche Hofbuchhandlung den Grund für den Ruf Lemgos als Leipzig des Nordens. Über 100 Jahre, von 1706 an, arbeitete hier die Buchhandlung und war damit am längsten im Besitz des Hauses. 1740 erwarb Johann Heinrich Meyer das Nachbarhaus (Gastwirtschaft Zum Stadtwappen) für die 1664 gegründete Druckerei hinzu.

Das Schicksal wollte es, dass er schon 1754 mit 53 Jahren starb und nur eine 15jährige Tochter hinterließ. Der Rektor des Lemgoer Gymnasiums Christian Friedrich Helwing "heiratete ein" und widmete sich fortan seinem Zweitberuf und sollte in ihm genauso erfolgreich sein wie im ersten. Von Lemgo in alle Welt: In der Blütezeit unter Helwings Leitung hatte das Unternehmen Geschäftsverbindungen nach den Niederlanden, nach Dänemark, Österreich, der Schweiz, nach Riga, Moskau und Petersburg, und lieferte nach England, Finnland und der Tschechoslowakei - beispielsweise stehen heute noch in der British Library in London mehr als 10 Bücher der Meyerschen Hofbuchhandlung aus dem 17./18. Jahrhundert, ebenfalls einige Bücher in der Bibliothèque Nationale in Paris. 

Christian Friedrich Helwing wurde am 19. Jan. 1725 in der Hansestadt Köslin (Koszalin)/Pommern geboren; sein Vater war Kaufmann, Brauer und Mitglied der Handelsgilde. Obwohl seine Mutter früh starb, bekam er eine gute Schulausbildung.

Im Vorfeld des Zweiten Schlesischen Krieges musste er vor den preußischen Werbern nach Halle fliehen und studierte dort 3 Jahre Theologie, Philologie, Philosophie (bei S. J. Baumgarten, in dessen Haus er wohnte), Mathematik, Physik und Geschichte. Dann nahm er eine Hofmeister- und Erzieherstelle bei einem Herrn von Oertzen in Blumenow/Mecklenburg an. Das Schicksal wollte es, dass er dessen Sohn an die Schule nach Lemgo begleiten musste. - Zurück in Halle setzte er seine Studien fort und sammelte erste Sporen als Korrektor in einer Buchdruckerei. 

Abb. Haus in der Mittelstr. 54-56
Träger Bauerschaft 4 5 heute: Mittelstraße 56 54

Es wird die gute Erinnerung an ihn gewesen sein und die "Recommendation Hrn. Prof. Baumgartens in Halle", durch die er 1749 zum Rektor an das Gymnasium zu Lemgo berufen wurde. Während viele Große Söhne Lemgos ihre Zukunft außerhalb sahen (Engelbert Kaempfer, Christian Wilhelm Dohm, Johann Lorenz Benzler, Heinrich Wilhelm Süvern u.a.), importierte Lemgo aus Preußen in mehrfacher Hinsicht einen Glücksfall. Im Gymnasium führte Helwing viele Verbesserungen ein und gab der deutschen Sprache ein größeres Gewicht. Für die oberen Klassen veranstaltete er öffentliche Redeübungen, in denen die Schüler über ihre Leistungen Rechenschaft ablegten - der junge Herr Rektor legte auch Wert auf die Anwesenheit der Damen. 

Die Themen wurden dem Publikum frühzeitig durch Druckschriften aus der Meyerschen Hofbuchhandlung angekündigt. Diese Geschäftsverbindung, eigene Veröffentlichungen und Helwings Kenntnisse im Buchgewerbe mögen dazu beigetragen haben, dass nach dem frühen Tod Johann Heinrich Meyers 1754 die Verbindung mit der Erbtochter in Erwägung gezogen wurde. Jedenfalls ließ sich der Herr Rektor schon 1754 mit Hilfe von "30 dicken Reichsthalern" in das Kaufmannsamt aufnehmen (hierfür musste ein Maurerpolier 3 Monate lang arbeiten, oder man konnte damit 20 Paar Lederschuhe erstehen). Die Hochzeit mit Margarethe Elisabeth Meyer erfolgte 1755; er wurde zwar Inhaber des Unternehmens, musste dann aber noch die nächste Hürde nehmen: 2 Jahre Lehrling zur Erlernung der Buchdruckerkunst. 45 Jahre lang betreute er durchschnittlich in jedem Monat eine Neuausgabe und daneben über 20 Zeitschriften und Sammelwerke. Durch Verhandlungen mit den Autoren (häufig auf Kuraufenthalten - Helwing traf mindestens 8mal in Pyrmont wichtige Autoren, und besaß in Meinberg ein eigenes Haus) , planen, kalkulieren, redigieren, setzen, drucken und auf Messen und Märkten anbieten wurde die Arbeit war so umfangreich, dass er 1757 sein Rektoramt aufgeben musste.

Das Verlagsprogramm umfasste alle Gebiete des Wissens: Religion, Philosophie, Rechtskunde, Philologie, Orientalistik, Literatur, Naturkunde, Mathematik, Chemie und Staatenkunde. Besonders erwähnt werden muss die Herausgabe der Geschichte und Beschreibung von Japan durch Christian Wilhelm Dohm 1777/79 (Dohm war nicht nur Mitarbeiter Helwings, sondern wurde auch 1780 dessen Schwiegersohn). - Eine tragende Säule bildeten Bibeln, besonders Handbibeln. Auf Helwings Veranlassung wurde dafür das aufwendige aber preisgünstige Druckverfahren mit stehender, besonders dazu gegossener Schrift angewendet, wie es in Deutschland sonst nur in der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle möglich war. Die Herstellung von Bibeln hatte Tradition: bereits im Gründungsjahr 1702 der Cansteinschen Bibelanstalt lieferte Meyer 1000 Handbibeln an A. H. Francke in Halle, die auf dessen Bitte von der Gräfin Dorothee Elisabeth zur Lippe-Brake, geb. von Waldeck, vorfinanziert wurden (mit Mengenrabatt), so dass A. H. Francke sie dann günstiger verkaufen konnte als es vorher möglich war - ein wichtiger Schritt zur Bibelverbreitung.

Es ist kein Wunder, dass auf einen Mann mit überragender geistiger wie geschäftlicher Begabung auch öffentliche Aufgaben zukamen; während des Siebenjährigen Krieges wählte Lemgo 1758 Helwing zum 2. Bürgermeister; er wurde Landtagsabgeordneter. Viele Durchzüge von Truppen und Einquartierungen brachten neue Aufgaben für ihn, bei denen ihm seine ausgezeichneten französischen Sprachkenntnisse geholfen haben mögen; der Landesherr Graf Simon August war auch dafür dankbar und ernannte ihn zum Rat. Besonders nach der Heirat des Grafen 1769 mit der für religiöse, soziale, literarische und kulturelle Fragen aufgeschlossenen Gräfin Casimire, geb. Prinzessin von Anhalt-Dessau, wurden freundschaftliche Kontakte geknüpft, die Privatbesuche der Gräfin bei Helwing mit sich brachten (Kontakte der Gfn. auch mit Gleim, Herder, Lavater, die z.T. Autoren von Helwing waren). Helwing wurde 1775 Mitglied der von Gfn. Casimire gegründeten Patriotischen Gesellschaft und nach dem Tod Simon Augusts 1782 zum Mitvormund seines Sohns Leopold gewählt. Er arbeitete eng mit dem Kanzler Hoffmann in der Mitvormundschaftsregierung zusammen. - Seine häufigen Besuche der Leipziger Buchmessen und seine überragende Aktivität führten dazu, dass er als buchhändlerischer Deputierter in die Leipziger Bücher-Kommission berufen wurde. Er konnte diese Ämter bei guter Gesundheit und geistiger Frische bis zu seinem unverhofften Tod am 2. Jan. 1800 erfolgreich weiterführen; seine Frau überlebte ihn um 5 Jahre. - Sein Andenken wird nicht nur durch die Aufnahme in die "Allgemeine Deutsche Biographie" und in das Erinnerungswerk "Menschen vom lippischen Boden" aufrechterhalten, sondern auch durch die Benennung einer Lemgoer Straße nach ihm.

Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 2/01                                                                      

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