Frauen machen Geschichte: Im Kloster St. Marien

Abb. selbst gestickter Bildteppich erzählte dem Leseunkundigen die Klosterchronik

Weitere Einzelheiten zu den 8 Abbildungen auf dem Teppich erhalten Sie hier

Frauen erdulden Geschichte
Die Klostergründung in Lahde stand am Anfang unter keinem glücklichen Stern: 10 km nördlich von Minden, der Bischofsstadt mit 10 Klöstern und Stiften - an einer viel befahrenen Heerstraße - im Norden das mächtige Kloster Loccum.

Frauen schreiben Geschichte
Aus dem Scriptorium sind sauber geschriebene, in einwandfreiem Latein abgefasste Urkunden erhalten.
Ein selbst gestickter Bildteppich erzählte dem Leseunkundigen die Klosterchronik.

Frauen machen Geschichte
Sie ergreifen eine günstige Gelegenheit und helfen nicht nur sich selbst, sondern auch einem einflussreichen, oft gewalttätigen benachbarten Landesherrn, dem Edelherrn Simon I. zur Lippe.

Der ursprüngliche Bildteppich wurde als Fußbodenbelag von der ersten Priorin Johanna zusammen mit drei weiteren Dominikanerinnen in jahrelanger Arbeit angefertigt. Wie auf dem dritten Bild des Teppichs dargestellt, stammte sie aus dem Mutterkloster Wiederstedt in der Diözese Halberstadt. In den niedersächsischen Frauenklöstern blühte damals die Kunst der Bildstickerei, und man kann vermuten, dass die Anregung von dort mitgebracht wurde.

Der Bildteppich erzählt die Geschichte
von der Gründung 1265 in Lahde bis zur Überführung nach Lemgo 1306.

Leider hat der erste Teppich nur etwa 200 Jahre überdauert; in Fortsetzung der Tradition wurde er aber als Wandteppich (mit kleineren Abwandlungen) in ebenfalls jahrelanger Arbeit unter Anleitung durch die Dechantin G. Marten  gestickt und 1973 fertig gestellt.

Lemgo ist um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden, die heute den Kapitelsaal des Damenstifts schmückt und im Jahr 2006 anlässlich der Feierlichkeiten zur Ankunft der Nonnen aus Lahde vor 700 Jahren öffentlich vorgestellt werden soll. Der Saal bildet den Mittelpunkt des 1970 errichteten Neubaus auf dem Gelände des ehemaligen Klosters zwischen Stiftstraße und Heustraße. - Zwischen Neubau und der Kirche St. Marien wurden 2003 archäologische Untersuchungen durchgeführt, die zumindest ahnen lassen, wie das Kloster früher ausgesehen hat. - (Areal des ehemaligen Dominikanerklosters St. Marien)

Eine Abwandlung des nach einem Entwurf wiedererstandenen Teppichs betrifft den umlaufenden Schriftzug, dessen Verse ursprünglich mitten durch die Bilder verliefen; außerdem berichtet ein Zusatz über Verlust und Erneuerung des Teppichs:

Latein
Quisquis me calcat, bona me facientibus optat, Namque priorissa facies michi datque Johanna, Vendicat Alheydis homines sibi nobiliores, Elisabeth cunctis pietatis amore flagravit. Richedis fratres jungit merito sibi charos. priorissa facies michi datque Johanna,
Notitiam amissi per saecula multa tappeti Servavit chronicon; renovarunt nunc canonissae".
Deutsch
Wessen Fuß mich tritt, wünscht Gutes denen, die mich schufen. Denn die Priorin Johanna gibt mir die Gesichter, Adelheid nimmt für sich die Edelleute in Anspruch. Elisabeth entbrannte in frommer Liebe für alle. Richedis fügt die ihr mit Recht teuren Brüder hinzu.
Die Kenntnis des verlorenen Teppichs hat durch viele Jahrhunderte die Chronik bewahrt; jetzt haben ihn die Stiftsdamen erneuert."

Priorin und Konvent des Klosters St. Marien besaßen eigene Siegel, sowohl in Lahde als auch in Lemgo. In die Mitte des Teppichs wurde das meistverwendete Konventssiegel aus Lemgo neu aufgenommen.

Es zeigt den auferstandenen Christus mit einem Heiligenschein, auf Wolken thronend, die rechte Hand segnend erhoben und in der Linken die Kreuzesfahne. Im unteren Teil beten vier Nonnen mit erhobenen Händen. - Außerdem wurden acht Wappen eingefügt:

Abb. Wappen: vom Berge - Adlerflügel
vom Berge - Adlerflügel
Abb. Wappen: Bistum Minden - Bremer Schlüssel
Bistum Minden - Bremer Schlüssel
Abb. Wappen: von Hoya - Bärentatzen
von Hoya - Bärentatzen
Abb. Wappen: von dem Bussche - Schild 6mal gegenständig gespalten
von dem Bussche - Schild 6mal gegenständig gespalten
Abb. Wappen: Kloster St. Marien - Konventssiegel
Kloster St. Marien - Konventssiegel
Abb. Wappen: von Heidelbeck - Mühlräder
von Heidelbeck - Mühlräder
Abb. Wappen: Land Lippe
Land Lippe
Abb. Wappen: Bistum Paderborn
Bistum Paderborn
Abb. Wappen: Stadt Lemgo
Stadt Lemgo
Abb. Konventssiegel Kloster St. Marien
Konventssiegel Kloster St. Marien
Abb. Siegel des Provinzials der Saxonia, Meister Eckhart
Siegel des Provinzials der Saxonia, Meister Eckhart

Der Vergleich der beiden Siegel zeigt große Ähnlichkeit in der oberen Hälfte, die auf die Mitwirkung Meister Eckharts bei der Verlegung nach Lemgo hinweisen könnte (Näheres siehe letztes Bild in der unteren Reihe). Die untere Hälfte ist angepasst: Statt der zwei schlafenden Wächter vor dem Grab vier betende Nonnen.

Weiter führende Literatur

Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 05/04

Weiterführende Literatur:

  • Kittel, Erich: Der wiedererstandene Lemgoer Bildteppich. In: Lippische Mitteilungen 48 (1979)  
    Vorhanden in: Stadtbücherei Lemgo unter DZ LIPP 48 und: Lippische Landesbibliothek Detmold unter ZXAC 106-48, als Sonderdruck ZXKS 127 

  • Kittel, Erich (Herausgeber): Kloster und Stift St. Marien in Lemgo 1265 - 1965. Detmold 1965  
    Vorhanden in: Stadtbücherei Lemgo unter DEK KLOS
    und: Lippische Landesbibliothek Detmold unter ZXKU 101

  • Kittel, Erich: Die gestickte Chronik im Stift St. Marien. In: Lemgoer Hefte 1979 H.5  
    Vorhanden in: Stadtbücherei Lemgo unter DZ LEMG

  • Corvey, August: Lippisches Damenstift St. Marien seit 675 Jahren in Lemgo. In: Lemgoer Hefte 1981 H.15  
    Vorhanden in: Stadtbücherei Lemgo unter DZ LEMG

  • Wehlt, Hans-Peter: Lemgo - Dominikanerinnen. In: Hengst, Karl (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch Tl. 1. Münster, 1992 
     Vorhanden in: Lippische Landesbibliothek Detmold unter IONW 102-1 

  • Prieur. Jutta: Von der Gründung bis zur Aufhebung - Das Schicksal der Dominikanerinnenklöster in Köln, Soest und Lemgo. 
    In: Gärtner, Ulrike und Judith Koppetsch (Hrsg.): Klostersturm und Fürstenrevolution. Staat und Kirche zwischen Rhein und Weser 1794/1803. Staatliche Archive des Landes Nordrhein- Westfalen, Museum für Kunst und Kulturgeschichte 2003

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