Neues von den 10 "Weisen" am Apothekenerker

Rathaus der Stadt Lemgo mit dem Apothekenerker

Die Anordnung der 10 "Weisen" kann symbolisch verstanden werden: Die Südseite des Erkers (bevorzugt, weil von der Sonne beschienen) wurde den beiden fortschrittlichsten Medizinern Vesalius und Paracelsus zugeteilt: beide hatten Irrwege ihrer Vorgänger aufgezeigt und führten Neuerungen ein. - Die Fertigstellung des Erkers fiel in die Zeit des Reformationsstreits mit dem Grafen Simon VI.; da mag es den Lemgoer Lutheranern besonders gefallen haben, dass Paracelsus in Wittenberg Vorlesungen von Luther gehört haben soll, die katholische Beichte mit aller Schärfe ablehnte und als "Luther der Medizin" bezeichnet wurde. - Die Zählung der "Weisen" erfolgt von 1 bis 10, links an der Nordseite angefangen, über die Front- bis zur Südseite rechts.

Einführung

Der "Steinerne Saal Lemgos" bekam 1612 sein Prunkstück: den Apothekenerker am Rathaus. In der baufreudigen Zeit vor dem 30jährigen Krieg bot er nicht nur eine weitere architektonische Glanzleistung, sondern steigerte die Wirkung auf Bürger und Besucher durch ein gezieltes "sprechendes" Figurenprogramm. Die Stadt wollte ihre "Guten Taten" ins rechte Licht gesetzt sehen, denn sie hatte 1550 die erste und einzige Apotheke des Landes Lippe für ihre Bürger eingerichtet und ließ sie durch zwei aus dem Rat gewählte "Apothekenherren" beaufsichtigen. Die Überwachung hätte anhand eines amtlichen Arzneibuchs erfolgen können. Vier Jahre vorher gab der Rat der Freien Reichsstadt Nürnberg eines der ersten heraus, das Vorschriften für Umfang und Bereitung der Medikamente sowie für die "Taxierung" enthielt. - Der Pächter der Apotheke Wolrad Ferber hat wesentlich beim Entwurf mitgewirkt. Mehrere Meister bauten dann den Erker mit seinen Figuren an das vorher schlichte Rathaus an: zuerst Georg Crossmann und Sohn Ernst, dann Hermann Roloff und Sohn Johann, u.a.m.

Das Ergebnis war ein "Künstlerisches Zeugnis für ein Reformprogramm der Pharmazie", so der Untertitel eines Beitrags von Prof. Dr. Fritz Krafft, Institut für Geschichte der Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg, über den "Apothekenerker von Lemgo" (in der Pharmazeutischen Zeitung, Ausgabe 28/2002). - Hier steht jedoch nicht das Reformprogramm der Pharmazie im Vordergrund, sondern es sollen einige Spuren verfolgt werden, die die "Weisen" in der Kulturgeschichte bis heute hinterlassen haben.

Abb. Apothekenerker

Wolrad Ferber muss sehr gelehrt gewesen sein; er suchte die anerkannt wichtigsten Größen der Medizingeschichte für sein Figurenprogramm aus, die auch heute noch in der Wissenschaft Bedeutung haben; möglicherweise wurde er dabei von dem angesehenen Rektor des Gymnasiums Johannes Gisenius unterstützt. In einer Zeit, in der Viele nicht lesen konnten, wird das einzigartige "bürgerliche" Kunstwerk auf Bürger und Besucher den angestrebten großen Eindruck gemacht haben. Allerdings "sprechen" die Figuren den heutigen Betrachter kaum noch in dem Maße an wie früher: Das Internet soll den "Zuhörerkreis" nach 390 Jahren zusätzlich erweitern, rechtzeitig vor dem hoffentlich glanzvollen 400jährigen Geburtstag. - Es wird sich zeigen, dass die "Weisen" von der Welt keineswegs vergessen worden sind.

Denkbar ist, dass bei der Auswahl der Überschrift für das Spruchband am oberen Sims der ebenfalls sehr gelehrte Pastor an der Nicolaikirche Magister Eberhard Mesomylius half. Das "Weisheitsbuch Sirach" im Alten Testament wurde als besonders geeignet angesehen, denn das Hauptanliegen des gelehrten Jesus ben Eleasar ben Sirach bestand darin, Weisheit und Gesetz miteinander in Einklang zu bringen (in übertragenem Sinn: Apotheke und Obrigkeit).

Aus Sirach 38, 2-15 wurden Satzteile zu einem neuen Sinnspruch zusammengestellt: "Wenn Du krank bist so bitte den Her(r)n und las(s) ab von Sünden so wird er Dich gesund machen Darnach las(s) den Arzt zu Dir denn der Höechste hat ihn geschaff(en) Die Artznei kommt vom Her(r)n und der Apotheker bereitet sie." - Man wird Wolrad Ferber verzeihen, dass er die genauere Übersetzung "Salbenmischer" (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Stuttgart 1985) durch "Apotheker" ersetzte - dabei werden Salbenmischer an mehreren Stellen der Bibel lobend erwähnt. Der selbständige Heilberuf "Apotheker" wurde erst um 1000 in der medizinischen Schule von Salerno geschaffen. - Es fällt auf, dass der letzte Satz des Sinnspruchs in kleineren Buchstaben übereinander in die Ecke gezwängt wurde, sodass wahrscheinlich kein einheitlicher Entwurf zugrunde lag.

Die wissenschaftlichen Leistungen der 10 "Weisen" waren so tief greifend, dass ihr wegweisender Einfluss und ihre Wirkungsgeschichte bis heute (nach ca. 400 Jahren) Gegenstand von Forschungsarbeiten in aller Welt sind. Als Beispiel für die Halbzeit nach 200 Jahren sei auf Johann Wolfgang von Goethe hingewiesen, der fast alle kannte. Mindestens 5 "Weise" lassen sich in seinen Schriften finden, teilweise mit erheblicher Einwirkung auf seine eigenen Werke: Für die Faustfigur hat Paracelsus, der Zeitgenosse Fausts, Pate gestanden, das Collegium Logicum des Aristoteles wird in 37 Faust-Zeilen mit Spott bedacht und in Anlehnung an die "Hermetischen Schriften" des Hermes Trismegistos schuf Goethe 1795 ein eigenes "Mährchen", das in Schillers Horen veröffentlicht wurde. - Und nach weiteren 200 Jahren - Vorab ein Beispiel für viele: Der große Schweizer "Seelenforscher", der Psychologe C. G. Jung, hat alle 10 "Weisen" in seinen Gesammelten Werken eingehend behandelt und bewies damit seine Kennerschaft (und seinen Hang zur Alchemie).

Die Herkunft der 10 "Weisen" lässt den Schluss zu, dass zumindest die medizinische Wissenschaft keine Grenzen kannte: Es stammten aus (heutige Staaten)

  • Griechenland 2
  • Spanien 1
  • Schweiz 1
  • Belgien 1
  • Türkei 2
  • Irak 1
  • Iran 1
  • Ägypten 1

Zu berücksichtigen ist, dass der spanische "Weise" stark vom arabisch-islamischen Kulturkreis beeinflusst worden ist; außerdem hat bei allen die erstaunliche Reisetätigkeit zur Vermischung beigetragen, sodass der abendländische Beitrag zur Medizingeschichte mit etwa 50% richtig dargestellt worden ist. - Der Apothekenerker ist damit eine dauerhafte Ermahnung zum Dialog der Kulturen, der heute noch wichtiger ist als früher, und ein Plädoyer für die Durchlässigkeit der Grenzen.

Die Anordnung der 10 "Weisen" kann symbolisch verstanden werden: Die Südseite des Erkers (bevorzugt, weil von der Sonne beschienen) wurde den beiden fortschrittlichsten Medizinern Vesalius und Paracelsus zugeteilt: beide hatten Irrwege ihrer Vorgänger aufgezeigt und führten Neuerungen ein. - Die Fertigstellung des Erkers fiel in die Zeit des Reformationsstreits mit dem Grafen Simon VI.; da mag es den Lemgoer Lutheranern besonders gefallen haben, dass Paracelsus in Wittenberg Vorlesungen von Luther gehört haben soll, die katholische Beichte mit aller Schärfe ablehnte und als "Luther der Medizin" bezeichnet wurde. - Die Zählung der "Weisen" erfolgt von 1 bis 10, links an der Nordseite angefangen, über die Front- bis zur Südseite rechts.

Abb. Apothekenerker links mit den Weisen Dioscorides und Aristoteles

Im Folgenden wird das Leben und die Wirkungsgeschichte der einzelnen "Weisen" exemplarisch durchleuchtet; dazu wird neben den gedruckten Medien auch die umfassendste Enzyklopädie der Welt benutzt: Das Internet.

Abb. Apothekenerker mitte mit den Weisen Rhazes, Galen, Hippocrates, Hermes, Lullius und Geber
Abb. Apothekenerker mitte mit den Weisen Vesalius und Paracelsus

Die Einzelbeiträge zu den Weisen können hier durch Anklicken gewählt werden :

  1. Dioscorides
  2. Aristoteles
  3. Rhazes
  4. Galen
  5. Hippocrates
  6. Hermes
  7. Lullius
  8. Geber
  9. Vesalius
  10. Paracelsus

Ergänzende Literatur

Meier-Lemgo, Karl: Der Erker der Ratsapotheke in Lemgo. In: Lippische Mitteilungen 20 (1951), S. 87-92.

Meier-Lemgo, Karl: Die graphischen Vorlagen des Meisters der Halbfiguren am Lemgoer Ratsapothekenerker. In: Lippische Mitteilungen 32 (1963), S. 182-188.

Muntschick, Wolfgang: Die alchemistische Symbolik des Naturforscherfrieses an der Ratsapotheke in Lemgo. In: Lemgoer Hefte Nr.7 (1979, S. 28-34.

Krafft, Fritz: "Die Arznei kommt vom Herrn, und der Apotheker bereitet sie". Biblische Rechtfertigung der Apothekerkunst im Protestantismus: Apotheken-Auslucht in Lemgo und Pharmako-Theologie. Stuttgart 1999 (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 76). - In der Lippischen Landesbibliothek Detmold vorhanden unter ZXEO 104.

Informationen im Internet

rats-apotheke-lemgo.de/geschichte_unserer_apotheke.php

Der Beitrag wurde freundlicherweise von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 11/02

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