Er kam der Orgel wegen - und blieb

Walther Schmidt

Walther Schmidt hat über fast fünf Jahrzehnte das musikalische Leben in Lemgo geprägt 

Es gibt Zufallsbegegnungen, die geben einem Menschenleben eine neue Wendung. Und manchmal entfaltet so ein Moment gar prägende Wirkung für eine ganze Stadt. Dies ist so eine Geschichte - die von Walther Schmidt und seinem kirchenmusikalischen Wirken in Lemgo. 

Der 1913 in Hamburg geborene und in Thüringen aufgewachsene Schmidt hatte die Kirchenmusikschule in Spandau besucht, die Hochschule für Kirchenmusik in Charlottenburg abgeschlossen und in Teltow eine erste Organistenstelle gehabt, als der Zweite Weltkrieg seine musikalische Laufbahn vorerst unterbrach.

Dem Kriegsdienst folgte die Gefangenschaft, und hier kam es zu der Begegnung, die die Weiche in Schmidts Leben auf Lemgo stellte. Ein Mitgefangener aus Bielefeld erzählte ihm von einer wunderbaren Orgel in der Nähe seiner Heimat: der historischen Barockorgel in der Marienkirche in Lemgo. Noch 1945 reiste Schmidt in die Hansestadt, um die Orgel und ihre klanglichen Möglichkeiten zu erkunden - und blieb als Marien-Kantor. Zwischen seiner Ankunft in Lemgo und seinem Tod 1991 liegen 46 Jahre, in denen er das musikalische Leben der Stadt wie kein Zweiter geprägt hat.

Gekommen war Schmidt wegen der Schwalbennestorgel - den zentralen Teil seines Schaffens sollte aber ein ganz anderer Klangkörper ausmachen: die Marien-Kantorei, die er 1946 ins Leben rief. Eine Reihe von Festschriften ist zu "runden" Geburtstagen des Chores erschienen, die Journalistin Marianne Bonney hat auch dem Kantor persönlich einige Schriften gewidmet - viel Material, das einen eindrucksvollen Lebensweg nachzeichnet.

Die Marien-Kantorei: Schon für das Jahr 1949 verzeichnet die Chronik sechs Abendmusiken in der Marienkirche mit je 600 bis 800 Zuhörern sowie zwei weltliche Konzerte und 21 Abendmusiken außerhalb der Lemgoer Stadtmauern.

Zu solchen Terminen fuhren die Sänger anfangs mit dem Rad, per Pferdewagen wurden die Instrumente der begleitenden Musiker transportiert. Die Kantorei schaffte sich sehr bald einen Namen mit der Aufführung großer oratorischer Werke, aber auch weltlicher Musik. Ein Grund: das Händchen für Chorerziehung, das Walther Schmidt nach einhelliger Meinung besaß, und das bereits in der Singschule der Kantorei ansetzte. Unisono schwärmen die Kritiken von der unglaublichen Leuchtkraft der Soprane in der Marien-Kantorei.

Heimat der Kantorei blieben die Gottesdienste in St. Marien - die überragende Akustik in "seiner" Kirche schätzte Schmidt übrigens ganz besonders-, bald sang die Kantorei auch jenseits der lippischen und schließlich auch der deutschen Grenzen. Eine Konzertreise nach Holland im Jahr 1953, also sehr bald nach Ende des Krieges, machte die Lemgoer Sänger zu Friedensboten. Reisen in die Schweiz, nach Dänemark, England, Frankreich, Italien und 1976 gar in die USA, zu den Unabhängigkeitsfeiern in St. Louis und Minneapolis, folgten. Viele der Reisen basierten auf Schmidt Gabe, persönliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen - sei es, zu seinen Lehrern, unter denen sich so große Namen wie Ernst Pepping und Hugo Distler finden, oder sei es zu späteren Bekanntschaften, die er ausbaute. Ein Name unter vielen: der englische Organist Nicholas Danby. Dieser beriet Schmidt auch intensiv, während die 1975 fertig gestellte neue Orgel auf der Westempore der Marienkirche gebaut wurde. Die Lemgoer Orgeltage, die Schmidt 1950 ins Leben rief, das Heinrich-Schütz-Fest 1964 - Höhepunkte, die auf die Initiative des Kantors zurückgehen, gibt es reichlich. Ein Standbein seiner Tätigkeit war stets das Unterrichten. Als Musiklehrer war er am Marianne-Weber-Gymnasium tätig.

Später wurde er erster Leiter der Musikschule Lemgo, die 1964 ihre Arbeit aufnahm, Städtischer Beauftragter für Musik, Träger des Kulturpreises des Lippischen Landesverbandes, verliehen 1980, im Jahr 1985 die Ernennung zum Ehrenbürger Lemgos, 1988 schließlich die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes: Offizielle Anerkennung für sein musikalisches Engagement hat Walther Schmidt reichlich erfahren. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch die Spuren und persönlichen Erinnerungen, die er in den Herzen zahlreicher Menschen hinterlassen hat.

Am 09. Oktober 1991 ist Walther Schmidt gestorben. Das von ihm selbst bespielte Glockenspiel im Nicolai-Turm spielte zu jener Stunde die ihm besonders geliebte Melodie "Innsbruck, ich muss dich lassen", berichtete Marianne Bonney. Aber: Kein Mythos als Zielpunkt einer Geschichte, die mit einer gestellten Weiche begann. Der Wochenplan des Glockenspiels gab diesen Zeitpunkt vor.

(Quelle: Lippischen Landeszeitung)