Willkommen in unserer Stadt, Herr Lemgo!

Herr Lemgo aus Berlin gehört zu den annähernd 100 Bundesbürgern, die den Familiennamen Lemgo oder Lemgau tragen, ohne zu wissen, dass sie tatsächlich aus der Stadt (oder dem Gau) Lemgo stammen - es sei denn, dass sie ihren Stammbaum über ca. 30 Generationen bis ins Mittelalter zurückverfolgen können. Zu jener Zeit bildeten sich nämlich die Familiennamen als Zweitnamen; bis dahin reichten in den kleineren abgegrenzten Familienverbänden die Vornamen als Rufnamen. Besonders in den Städten mussten möglichst eindeutige Namen in Bürgerbücher, Steuerlisten oder Erbregister eingetragen werden. Dazu wählten Kanzleischreiber schon vorher vorhandene schmückende Beinamen (der Starke, der Löwe, Fürchtenicht, Freudenreich usw.), Spitznamen oder Namen aus, die den Beruf kennzeichneten (Müller, Schneider, Schnitger - Holzschnitzer usw.). Oft gingen mangels geeigneter Beinamen auch Herkunftsbezeichnungen in die Familiennamen ein, vorzugsweise dann, wenn sie sich zur Unterscheidung gegenüber den Nachbarn eigneten. So ist zu erklären, dass in der Stadt Lemgo selbst keine Namensträger wohnen. Die Namensgebung wird vielmehr in der Fremde stattgefunden haben, wohin Lemgoer Bürger im Dienst des Fernhandels zogen oder umsiedelten (falls sie noch keine eigenen Familiennamen mitbrachten). Später waren zwar noch kleine Änderungen möglich (etwa durch mundartliche Färbung), aber dann erstarrten die Familiennamen weitgehend.

Interessant ist die örtliche Verteilung des Herkunftnamens "Lemgo", die z.B. anhand des "Telefonbuchs für Deutschland" (auf CD-ROM) ermittelt werden kann. Sie kann Auskunft über die früher bevorzugten Ziele geben, besonders dann, wenn der Name so unverwechselbar wie der von Lemgo ist. In der gesamten Bundesrepublik wurden 45 Anschlüsse (=100%) aufgefunden, die etwa die doppelte Anzahl von Einwohnern repräsentieren. Man stellt zunächst fest, dass 96% der Lemgoer im Niederdeutschen Sprachgebiet geblieben sind, dessen Grenze etwa zwischen Köln und Düsseldorf quer durch Deutschland, 50 km südlich am Land Lippe vorbei, dann über Kassel nach Frankfurt/Oder verläuft. - Der Edelherr Bernhard II. zur Lippe war treuer Gefolgsmann Heinrich des Löwen; es ist daher verständlich, dass zwei Drittel der Lemgoer den Einflussbereich Heinrichs nicht verließen. -

Ähnlich wie Bernhard II. in seinen späteren Jahren den Drang nach Osten verspürte, sind auch doppelt so viele Lemgoer nach Osten wie nach Westen gezogen. Unmittelbar vor der slawischen Grenze, in dem zu jener Zeit östlichsten Punkt in einer Kette von deutschen Niederlassungen, hatte sich in günstiger Verkehrslage die Kaufmannssiedlung Berlin/Cölln gebildet: dort ist mit 22% die größte Anzahl von Lemgoern in einem Ort anzufinden. Weitere Schwerpunkte waren Hannover und Osnabrück, beides Handelsstädte.

Im Verlauf von 900 Jahren sind selbstverständlich auch andere Einflüsse auf die spätere Sesshaftigkeit der Namensträger wirksam gewesen; es kann aber angenommen werden, dass sie sich gegenseitig teilweise aufheben und in erster Näherung vernachlässigbar sind. Die wichtigste Voraussetzung, die Unverwechselbarkeit des Namens Lemgo, ist übrigens auch für den Namen des Nachbargaus Havergo (um Lage) gegeben - nur mit dem Unterschied, dass heute keine Ortsbezeichnung "Havergo" mehr vorhanden ist. Eine entsprechende Untersuchung zeigt aber, dass noch 21 Telefonanschlüsse unter diesem Namen eingetragen sind, die eine ähnliche örtliche Verteilung wie oben für "Lemgo" aufweisen und daher auf ähnliche Beweggründe im Mittelalter schließen lassen.

Der Beitrag wurde freundlicherweise für diese Publikation von Herrn Professor Günter Laue verfasst. 5/01